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Laudatio zum Otto-Brenner-Preis »Spezial«

von Heribert Prantl

Es ist schade, dass Albrecht von Lucke schon 1967 geboren ist. Wenn Albrecht von Lucke 1968 geboren wäre, dann wäre er mit Fug und Recht ein 68er – und zwar so, wie man sich einen idealen Achtundsechziger wünscht. Ein Achtundsechziger ohne Selbstüberschätzung, ohne Selbststilisierung, ohne wirre Reden und ohne unverständliche Pamphlete. Albrecht von Lucke ist ein kluger, klarer, präzise schreibender politischer Denker und Journalist, einer der schreiben kann wie der Teufel und reden kann wie ein Erzengel, er kann jedenfalls so schnell reden wie ein Engel fliegt.

Ich war nie in Albrecht von Luckes Büro, ich kenne seinen Schreibtisch nicht. Ich habe mir sagen lassen, dass es bei ihm überquillt von Zeitschriften und Papieren. Sie wegzuschmeißen, fällt ihm schwer, weil er in dem kreativen Chaos immer wieder fündig wird. Aber er ist einer, der Dutschkes Motto auf seinem Schreibtisch stehen haben könnte: „Geschichte ist machbar“.

Dutschkes Texte über „das herrschende Falsche und die Radikalität des Friedens“, erschienen im Wagenbach-Verlag, tragen diesen Titel. Geschichte ist machbar – und von Lucke ist einer, der nach diesem Motto arbeitet. Geschichte kommt nicht einfach über einen. Die Frage ist nicht, was auf die Gesellschaft zukommt, sondern wohin sie gehen will und wer die Wegweiser aufstellt. Von Lucke versucht es, Artikel für Artikel, Buch für Buch.

Demokratie und Aufklärung

Die Altachtundsechziger treibt die Frage um, warum heute die Falschen Geschichte machen. Warum triumphieren die populistischen Extremisten, warum sind die Trumps und die Erdoğans und die Orbáns obenauf, warum laufen bei Pegida so viele Leute mit, warum kann ein AfD-Politiker heute Deutsche mit ausländischen Wurzeln vor johlenden Anhängern straflos als „Kümmeltürken“ beschimpfen? Weil der Feuergeist von 68 fehlt, weil die Altachtundsechziger müde und matt und alt geworden sind und weil es zu wenige junge Achtundsechziger gibt.

Als Jürgen Habermas, er gehört zu den Herausgebern der „Blätter für deutsche und internationale Politik“, die wir heute mit ihrem agilen Redakteur Albrecht von Lucke auszeichnen, im Jahr 1988 gefragt wurde, was von 1968 geblieben sei, hat er eine Antwort gegeben, die für mich immer noch zu den besten auf diese Frage gehört. Er hat gesagt: „Frau Süssmuth“.

Er meinte die Fundamentalliberalisierung der Republik. Frauenemanzipation, die Ökologiebewegung, die Friedensbewegung, eine entspießerte Sexualmoral, die umfassende Demokratisierung der Gesellschaft – das alles ist Erbe von 1968, auch der klare und scharfe Blick auf den Nationalsozialismus.

Das alles ist nicht vorbei. Das alles ist nach wie vor bitter notwendig. Demokratie und Aufklärung, Grundrechtsbewusstsein, die Achtung von Minderheiten und der Respekt für Andersdenkende sind nicht zusammen mit dem Grundgesetz vom Himmel gefallen und dann ein- für allemal da. Albrecht von Lucke weiß das. Demokratie und Rechtsstaat muss man lernen. Immer und immer wieder. Demokratie ist nicht vererbbar. Auch das vermeintlich Sichere ist nicht sicher.

Journalistischer Denker und Kämpfer

Albrecht von Lucke ist ein Kämpfer, ein journalistischer Denker und Kämpfer, einer, der das, was landläufig und verharmlosend Rechtspopulismus genannt wird, in Wahrheit aber Rechtsextremismus ist, nicht einfach über sich ergehen lässt. Er schreibt dagegen an, kraftvoll, eindringlich, mit Leidenschaft.

Er hat kluge Bücher geschrieben. Seine Streitschrift über „68 oder neues Biedermeier“, erschienen bei Wagenbach im Jahr 2008, ist, wie die Kritikerin in der „Bayerischen Staatszeitung“ (die wirklich keine CSU-Zeitung ist) geschrieben hat, „von einer analytischen und scharfsinnigen Kraft, die die meisten Wälzer zum Thema vermissen lassen“.

In diesem Lucke-Buch über 68 aus dem Jahr 2008 findet sich übrigens eine besonders schöne Kritik und Sottise über die neoliberalen Ansichten jüngerer Generationen. Von Lucke schreibt: „Das Yuppietum wird ihnen zur Grundhaltung, Snobismus zur Form des eigenen Protests und das Wählen der FDP zum Akt des zivilen Ungehorsams.“ Aber auch das ist, zehn Jahre später, schon wieder Vergangenheit.

In seinem Buch über „Die schwarze Republik und das Versagen der deutschen Linken“ hat von Lucke darüber nachgedacht, wie die Wiedervereinigung von SPD und Linkspartei aussehen könnte. In diesem Buch und in vielen seiner Artikel analysiert er mit Schärfe und Klarheit die Defizite der Sozialdemokratie. Die Sozialdemokraten, so schreibt er, haben mit Hartz IV ihr Herz verloren; er nennt es den „Verlust des Markenkerns der sozialen Gerechtigkeit“ – und das Herz seitdem nicht mehr wiedergefunden: „Bis heute fällt die SPD als inhaltliche Leitpartei aus, die eine echte Alternative verkörpert.“ So schrieb von Lucke vor drei Jahren – und die Analyse ist heute so aktuell und richtig wie damals. Er schreibt an dagegen. Er schreibt viele Bücher und noch viel mehr Artikel.

Vor knapp zehn Jahren hat Albrecht von Lucke ein Buch über die „Gefährdete Republik. Von Bonn nach Berlin“ geschrieben – in dem er beschrieben hat, dass die Bundesrepublik auf einem verdammt guten Weg war, eben weil sie stetig an sich zweifelte und weil aus Sorge, dass Weimar sich wiederholen könne, ein sozialstaatlicher Konsens herrschte. Klar war die Bonner Bundesrepublik auch kleingeistig und eng und manchmal reaktionär. Klar weht in Berlin ein anderer Wind, aber der macht die Luft nicht unbedingt besser (wie Robert Misik in einer Kritik über das Lucke-Buch geschrieben hat). Es geht und ging von Lucke weniger um die Schönzeichnung der Bonner Republik, sondern um die kommenden, die sich schon damals abzeichnenden Herausforderungen in der Berliner Republik.

Ein gutes Gespann

Albrecht von Lucke und die „Blätter“: Sie sind ein gutes Gespann. Bollwerke gegen den antidemokratischen Ungeist unserer Zeit, gegen den grassierenden Rassismus und populistischen Rechtsextremismus. Albrecht von Lucke greift wirklich beherzt und wirklich beredt ein in die aktuellen politischen Debatten – in den „Blättern“, in unzähligen Interviews mit Fernseh- und Rundfunksendern, in den politischen Talkshows. An manchen Tagen steht das Telefon in der Redaktion nicht still, da nimmt dann der WDR resignierend zur Kenntnis, dass ihr begehrter Gesprächspartner gerade schon den Kollegen vom SWR die aktuelle Lage kommentiert.

Lucke ist ein Verfassungspatriot im allerbesten Sinn. Die „Blätter“, die er gemeinsam mit einer feinen kleinen Redaktion verantwortet, sind eine Plattform zur guten Re-Politisierung der Gesellschaft.

Gunter Hofmann, der langjährige Leiter der Parlamentsredaktion der „Zeit“ hat vor zwei Jahren, zum 60jährigen Jubiläum der „Blätter“, in der „Frankfurter Rundschau“ geschrieben: Die „Blätter“ „unterwerfen sich nicht der Selektions- und der Präsentationslogik, die heute in den Medien weit verbreitet ist und mit ihren kurzfristigen Inszenierungsformen vor allem das Ziel hat, im Gespräch zu bleiben.“ Präsentationslogik, Tam-Tam und Klamauk – so etwas haben die „Blätter“, die übrigens redaktionell und wirtschaftlich völlig unabhängig sind (und dabei wachsen!), nicht nötig. Das hat auch Albrecht von Lucke nicht nötig. Er muss sich nicht inszenieren, er ist einfach gut, er ist ausgezeichnet. – Deshalb zeichnen wir ihn aus.

Die Preisverleihung fand am 19. November 2018 in Berlin statt. Videos aller Reden finden sich unter www.otto-brenner-preis.de/dokumentation/2018/preistraeger.

(aus: »Blätter« 1/2019, Seite 42-44)
Themen: Medien und Demokratie

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