Ausgabe Mai 2019

Mit der Bibel für Bolsonaro

Die Macht der brasilianischen Pfingstkirchen

Die Zentrale der Igreja Universal do Reino de Deus, der Universalkirche des Gottesreiches (IURD) hat wenig Ähnlichkeit mit den Megakirchen nordamerikanischen Typs. Ihre 18 Stockwerke stellen die großen Kästen, die man aus Vororten amerikanischer Großstädte, etwa in Texas oder Missouri, kennt, bei weitem in den Schatten. Hinter säulenbestückten Mauern aus importiertem Granit und Marmor findet man sich in einem 10 000-Plätze-Gotteshaus wieder und sieht weder Kreuze noch Orgeln, sondern die überdimensionale Darstellung einer Menora, eines siebenarmigen Leuchters also, die sich vom Eingang bis hin zur Kanzel erstreckt. Männer in Schals und Kappen, die stark an jüdische Gebetsmäntel und Kippas erinnern, widmen sich religiösen Zeremonien neben hebräisch beschrifteten Dekalogstafeln und einer vergoldeten Bundeslade. Das gigantische Bauwerk ist als vergrößerte Reproduktion des biblischen Salomo-Tempels gedacht, gleicht allerdings eher einem Cäsarenpalast.

Doch wir befinden uns hier in São Paulo, nicht in Las Vegas oder Jerusalem, und die Darsteller sind pfingstkirchliche Pastoren und nicht etwa Rabbis. Genauer gesagt handelt es sich um neu-pfingstlerische Pastoren, die ein synkretistisches Gebräu ausschenken, eine Mixtur aus Reichtumsverherrlichung, Millenarismus, Wunderheilung, Geisterbeschwörung und Exorzismus.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Venezuela: Kolonialismus des 21. Jahrhunderts?

von Ferdinand Muggenthaler

Anfang April veröffentlichte die »New York Times« eine Recherche über den Entscheidungsprozess, der zum US-Angriff auf Iran führte. Der Bericht bestätigt, was Donald Trump auch öffentlich immer wieder anklingen lässt: Die Militäraktion gegen Venezuela hat ihn motiviert.