Ausgabe Januar 1990

Grünwärts

- Sprünge über die Mauern im Kopf

Der Wandel in Osteuropa ist ein Epochenwechsel von weltgeschichtlicher Bedeutung. Einzigartig an ihm ist besonders sein Tempo. Die informationelle Weltgesellschaft verschafft zunächst kleinen und lokalen Veränderungen einen solch ungeheuren Resonanzboden, daß ihre Aus- und Rückwirkungen eine exponentielle Steigerung und Beschleunigung erfahren. Kein Wunder, wenn das Nach-Denken da zum Hinterher-Denken wird. Zumal die wirkliche Geschichte weniger denn je der Verwirklichung leidlich gesicherter Weltbilder zustrebt. Daran gemessen erweisen sich die Ideen der Grünen und Alternativen als erstaunlich stabil - wohl weil sie schon lange nicht mehr an einem "System" hängen.

Ökologie, Demokratisierung, Dezentralität, Pazifismus nach Innen und Außen - all das erfahrt teils ungeahnte, teils geahnte Aufschwünge. Radikale Ansätze werden über Nacht zu realpolitischen Forderungen (und umgekehrt). Leider befindet sich gleichzeitig die Partei die Grünen in einer stillen, aber tiefen Krise. Es geht um die Lebendigkeit des Grünen P r o j e k t s - noch nicht um das Überleben der Grünen P a r t e i. Nie war die Kluft zwischen Grünen Möglichkeiten und Grünen Wirklichkeiten so groß. Das erklärt sich nicht ohne analytische Blicke nach Osten, über die Mauer und in die Partei. Die Welt wälzt sich um.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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