Ausgabe Juni 1990

Die Entdeckung der Mündigkeit

I

Was bleiben wird, sind unsere Erfahrungen und Erinnerungen. Sie werden unser späteres Verhalten mitprägen. Ich glaube, daß der Vorgang, den wir gegenwärtig erleben, nämlich ein schnelles Abstreifen - so eine Art Umziehen und Duschen, der Versuch, die DDR einfach abzuduschen -, auf Dauer nicht gelingen kann. Vieles wird später wiederkommen. Wir werden noch zehn bis zwanzig Jahre lang unterschiedlich geprägte Menschen sein. Dies wird sich auch in unserem Verhalten darstellen, obwohl es gegenwärtig so aussieht, als ob wir ohne Besinnung in die Coca Cola-Kultur eintauchen und geschichtsvergessen einfach alles übernehmen. Die nachdenklichen Menschen in unserem Land werden den Prozeß unterstützen müssen. Dazu werden wir Zeit brauchen. Ich erinnere daran, daß Christa Wolf erst im Jahre 1974 ihr großes Buch "Kindheitsmuster" schreiben konnte. Wir brauchen dazu ein bißchen Abstand.

Dann wird unsere ganze Geschichte wieder so nah sein, als wäre es gestern gewesen. Das werden wir aber zu unserer eigenen Katharsis auch wirklich brauchen. Das wäre das eine, mehr ein politpsychologischer Vorgang. Das andere ist: Ich halte es nicht für ein Märchen, daß die DDR ein bestimmtes Solidarbewußtsein gehabt hat.

Juni 1990

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema