Ausgabe November 1990

Flaggenwechsel

Der Sieg ist ein totaler und geht tiefer, als sich auf den ersten Blick vermuten läßt: Am 3. Oktober, so ein Szenario in der westdeutschen Presse (KSTA v. 18./19.8.1990), wird vor den Kasernen der NVA die bundesdeutsche Flagge aufgezogen. Zur Stunde X fliegen die neuen Befehlshaber unter Führung eines Generalleutnants von der Bonner Hardthöhe nach Strausberg ins Hauptquartier der Volksarmee. Dort werden sie bis 1994 die ehemalige Armee der DDR auf 50 000 Soldaten - Wehrpflichtige, Zeit- und Berufssoldaten zu reduzieren haben, damit die völkerrechtlich festgelegte Obergrenze von 370 000 Mann für die gesamtdeutschen Streitkräfte erreicht werden kann. Das Menschenpotential deutscher Militärs würde sich also innerhalb von fünf Jahren um rund 40% reduzieren. Soweit, so gut.

Doch über diese Zahlen hinaus wird zu den Folgen der Wiedervereinigung für die deutsche Militärmacht auch noch eine Bilanz aufzustellen sein, die weit weniger rosig aussieht: Denn die Bundeswehr, die durch das Ende des Kalten Krieges in einer Sinnkrise steckte, konnte den Niedergang ihres ostdeutschen Komplements dazu nutzen, Zweifel am eigenen Tun zu beseitigen und historische Kontinuitäten der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Missionarischer Eifer packte die westdeutsche Wehrelite in den letzten Monaten: Bundeswehroffiziere sollen dem "NVA-Trott" abhelfen, wie das Verteidigungsministerium verkündet.

November 1990

Sie haben etwa 19% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 81% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema Innere Sicherheit

Elf Jahre ohne Aufklärung: Das Netzwerk des NSU

von Markus Mohr, Daniel Roth

Selbst elf Jahre nach der Selbstenttarnung des rechtsterroristischen NSU sind dessen Unterstützungsnetzwerke noch immer nicht aufgeklärt. Das aber ist nicht dem »Versagen« der Sicherheitsbehörden geschuldet, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen und behördlicher Kontinuitäten.