Ausgabe Januar 1991

Nachholende oder doppelte Modernisierung?

Der zentralistisch-administrative Sozialismus ist gescheitert. Die bürgerliche Gesellschaft hat sich in den entwickelten Industriestaaten gerade im Lichte dieses weltgeschichtsverändernden Niedergangsprozesses als die einzig moderne, innovationsfähige und offene Gesellschaft der Gegenwart erwiesen. Die Art und Weise des deutschen Vereinigungsprozesses steht exemplarisch für die Haltung, daß der im Westen glücklich erreichte Endzustand nur noch auf den Osten auszudehnen sei.

In der Tat ist die "nachholende Revolution", wie Jürgen Habermas die Umwälzung in der DDR seit dem Oktober 1989 nannte, eine große Chance: Der DDR sind von allen Ländern des Ostens die größten Möglichkeiten geboten, ohne jeden Aufschub die Modernitätsqualitäten der Bundesrepublik nachzuentwickeln, vor allem eine pluralistische Demokratie, bürgerliche Rechtsstaatlichkeit und marktwirtschaftliche Innovationsoffenheit. Und doch sei hier als 1. T h e s e postuliert: Es wäre verhängnisvoll, den Niedergang des zentralistisch-administrativen Sozialismus als Bestätigung dafür anzusehen, daß den modernen bürgerlichen Gesellschaften keine epochalen Wandlungen ihrer Werte, Regulationsmechanismen und Lebensweisen bevorstehen, daß sie so, wie sie heute beschaffen sind, Überlebensfähigkeit und das lebenswerte Zukunftsmodell für die ganze Menschheit verkörpern.

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