Ausgabe April 1992

Volk ohne Traum

Volk ohne Traum

Das vereinte Deutschland hat seinen langatmigen Skandal. Auf eine kurze Formel gebracht, lautet er: Auch Intellektuelle und Dichter sind keine besseren Menschen. Wo gespitzelt wird, spitzeln auch sie. Dieses triviale Skandalon reibt sich an der beliebten Vorstellung, Dichter seien das "Gewissen der Nation". Die Gesamtheit der Dichter als Berufsstand freilich hatte ein solches Prädikat nie verdient und bei geziemender Klarsicht auch nicht beansprucht; denn es hält auf seiner Kehrseite die ebenso falsche wie bequeme Behauptung bereit, die Mehrheit müsse um das eigene Gewissen nicht bemüht sein. Ein entlastendes Klischee zerfällt, und die Enttäuschung schlägt um in Wut. Jetzt sind einige Journalisten dabei, sich das den Dichtern entzogene Klischee anzueignen: Sie blicken in das Reich der Lüge und der Verlogenheit, und was sie dort finden, gilt ihnen als das wahre Gesicht auch der kritischen Literatur der alten Bundesrepublik: Die "Staatssicherheit" wird zum Prüfstein der Literatur schlechthin. Der Vorgang, der einen fragwürdigen Literaturbegriff und eine groteske Behörden-Gläubigkeit spiegelt, ist eigenartig und vielschichtig genug, um ihn genau zu betrachten. Wer sich in ihm nachweislich als Objekt der staatlichen Begierde wiederfindet, hat jedes Recht auf Rehabilitation.

April 1992

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