Ausgabe Februar 1992

Geschichtswäsche?

Die deutsch-deutsche Debatte nimmt seit einiger Zeit, kriminalisierend und moralisierend, Dimensionen an, über die dringend nachzudenken ist: auch über Gefahren und Folgewirkungen, die keiner der Anreger etwa der Tribunaldiskussion wollen kann - jedenfalls kaum, soweit es sich um Bürgerrechtler handelt. Besorgte Stimmen, das Stasi-Syndrom könne ansteckend wirken, wie Leichengift, sind wohl nicht ernst genug genommen worden.

1. Geschichtsloses Reden von Geschichte

So geschichtslos ist selten über Geschichte geredet worden. Noch gleicht, was sich als die neueste deutsche Geschichtsdebatte ankündigt, einer Gespensterschlacht im luftleeren Raum. Etwas von ihrer Unwirklichkeit könnte sie loswerden, würden die Teilnehmer der Auseinandersetzung sich bemühen, die historische Realität der vier "umstrittenen" Jahrzehnte wieder einzublenden.

Denn die DDR, und was aus ihr geworden ist, wird sich ohne den zeitgeschichtlichen Kontext und die weltpolitischen Rahmenbedingungen von 1945, 1949, 1961 ebenso wie von 1970 und 1989 kaum begreifen lassen. Das betrifft aber auch jede Aufarbeitung, deren Ziele nicht Abrechnung, Rache, neue Runden der Existenzvernichtung sind, sondern tatsächlich Begreifen, Verstehen, Umdenken, Versöhnung und (Re-)Integration.

Februar 1992

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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