Ausgabe März 1992

Zur Entwicklung in Algerien

Der Islam ist die Religion aller. Rede des Präsidenten des Hohen Staatsrats, Mohammed Boudiaf, an die Nation vom 16. Januar 1992 (Auszüge)

 (...) Mit großer Rührung sende ich euch meine Grüße, denn meine Rückkehr *) ist eine Antwort auf den Ruf der heiligen Pflicht in Anbetracht der schwierigen Zeit, die unser Land durchmacht, aber auch aus Treue zu den Werten und Grundsätzen der Novemberrevolution **) kehre ich zurück, Algerien wird bedroht, die Feinde von gestern und von heute haben sich gegen seine Unabhängigkeit und Einheit verschworen. Unter diesen Umständen ist es eine nationale Pflicht, die aller Opfer wert ist, die Last der Verantwortung auf sich zu nehmen. Ich komme zurück, um mich auf die Seite der Frauen und Männer dieses Landes zu stellen, die mit Standhaftigkeit der Herausforderung trotzen und die mit den Waffen der Redlichkeit und Aufrichtigkeit für die Gegenwart und Zukunft dieses Vaterlandes, das sie in ihren Herzen tragen, gerüstet sind, (...)

Die Staatsinstitutionen müssen von allen geachtet werden. Der Staat ist ein Rechtsstaat und muß es auch bleiben, ein Rechtsstaat, in dem Gerechtigkeit, Rechtlichkeit und Gleichheit unter allen herrschen und aus welchem die Ungerechtigkeit gegenüber den Schwächeren verbannt werden muß. Der einzige Weg, der uns diese Ziele zu erreichen erlaubt, ist der einer wahren Demokratie, und Demokratie bedeutet weder Anarchie noch Angriff auf Staatsinstitutionen. Unser Volk muß über die wirkliche Bedeutung der Demokratie und ihrer Dimensionen volles Bewußtsein erlangen. Das unabhängige Algerien ist noch jung, der überwiegende Teil seiner Bevölkerung ist jung, und wir sind sehr stolz darauf. Indem ich mit euch zusammenarbeite, setze ich mich dafür ein, keine Mühe zu scheuen, um angemessene Lösungen für die Probleme, unter denen unsere Jugend leidet, zu finden. Dies wird das vorrangige Bemühen unseres Handelns sein.

Als die glorreiche Novemberrevolution stattfand, wurde sie nur von einer begrenzten Anzahl von Leuten und mit wenigen Mitteln geführt, aber der Wille war groß, der Glaube an das Volk ungebrochen, die Verbindung zu ihm stark und dauerhaft. Unser Vertrauen in dieses Volk und seine Fähigkeiten bleibt ungeschmälert, in dieses tapfere Volk, das der Angst getrotzt und den Gefahren die Stirn geboten hat, dank seines Glaubens in das Vaterland und seines Festhaltens an der Religion, dem Islam. In diesem Land ist der Islam die Religion aller, und alle Revolutionen, die auf diesem Boden die Geschichte hindurch einander folgten, waren stolz auf diese Religion, die sie gepriesen, beschützt und verteidigt haben. Es steht heutzutage niemandem zu, weder einem einzelnen noch einer Gruppe, die Religion für sich allein in Anspruch zu nehmen oder sie zu verdächtigen Zielen auszunutzen. Ganz wie der Islam ist auch die nationale Einheit heilig, und niemand hat das Recht, sie zu mißbrauchen. Algerien ist reich an materiellen und menschlichen Möglichkeiten, wir können die Krise, die wir durchleben, nicht als Fügung des Schicksals betrachten. Mit Willenskraft, Mut und Selbstvertrauen können wir sie zusammen überwinden. (...)

Ein jeder ist bestrebt, schnell aus diesem Zustand der Beklemmung und Angst herauszukommen, und er lehnt mit Entschlossenheit die Aufrufe derjenigen ab, die Haß und Zwietracht preisen und zum Angriff auf den Staat drängen. Er öffnet sein Herz denen, die Verständigung, Solidarität, Toleranz und Brüderlichkeit predigen. (...)

In dieser heiklen Lage, die durch drohende Zersplitterung und die Gefahren der Anarchie und der Fitna ***) gekennzeichnet ist, möchte ich vor allem derjenige sein, der die Reihen zusammenführt und die konstruktiven Bemühungen vereinigt, derjenige, der zu anerkennenswertem Handeln ermutigt. Allen ohne Ausnahme reiche ich meine Hand mit Vertrauen und Hoffnung und erneuere meinen Eid auf die Versöhnung, die gegenseitige Hilfe und das Zusammenwirken zum Aufbau eines Algeriens von dem unsere Märtyrer träumten und von dem unsere Jugend heute träumt. Ein Algerien, wo Friede, Milde, Toleranz, Einheit und schöpferische Arbeit herrschen. (...)

Quelle: "El Moudjahid" Algier, 17./18.1.1992; Übersetzung: "Blätter". *) Boudiaf lebte seit 1964 im marokkanischen Exil. D. Red. **) Gemeint ist der Beginn des FLN-Aufstands gegen die französische Kolonialherrschaft im November 1954. D. Red. ***) Arabisch für Bruderkampf, Bürgerkrieg. D. Red.

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