Ausgabe März 1992

Zur Entwicklung in Algerien

Die Demokratie, die die Lehre des ungläubigen Westens ist. Aus einem Beitrag des stellvertretenden Vorsitzenden der Front Islamique du Salut, Ali Belhadj

Der folgende Beitrag von Ali Belhadj, bis zu seiner Verhaftung am 7. Juni 1991 Vizepräsident und einflußreichster Prediger der FIS, erschien in dem arabischsprachigen FIS-Periodikum "al-Munqidh "24/1990, in französischer Sprache in: M. Al-Ahnaf/Bernard Botiveau/Franck Fregosi, L'Algérie par ses islamistes, Paris 1991, S. 94 ff,; auf der Grundlage dieses Textes wurde die "Blätter"-Übersetzung erstellt.

Unter allen Gründen, derenthalben wir die demokratische Lehre ablehnen, sticht die Tatsache hervor, daß die Demokratie auf der Meinung der Mehrheit beruht, ganz zu schweigen von der Eigenheit dieser Mehrheit: Es wird davon ausgegangen, daß die Meinung der Mehrheit das Kriterium dessen bildet, was gerecht und vernünftig ist. Man sieht, wie Führer demokratischer Parteien zum Ziel des Stimmenfangs in den Wahlkämpfen, von diesem Prinzip ausgehend, mit allen Mitteln versuchen, sich mit der größtmöglichen Anzahl von Menschen in Übereinstimmung zu bringen, auch wenn es zum Schaden des Glaubens, der Würde, der Religion und der Männlichkeit wäre. (...)

Was uns, die "Leute der Sunna", betrifft, so glauben wir, daß das Recht (haqq) nur aus den entscheidenden Zeugnissen der Scharia erkannt wird, und nicht von der Menge der Handelnden und der demagogischen Stimmen erkannt werden kann. Klein war die Zahl derer, die dem Propheten folgten, wohingegen die, die ihren Götzen folgten, eine Menge waren. Gott sei gelobt und gepriesen! Er sagte von Noah, nachdem dieser 950 Jahre bei seinem Volk geblieben war: "Die seinen Glauben teilten waren wenige." Der verfluchte Pharao beschrieb die Gefährten Mose mit diesen Worten: "Es handelt sich nur um eine geringe Schar." Gott aber brandmarkte die Mehrheit, als sie jenen zum Gipfel der Macht und zur unumschränkten Gewalt führte: "Der Pharao versuchte sein Volk irrezuleiten. Dieses gehorchte ihm, es war ein verderbtes Volk." Der Korankundige stellt fest, daß Gott in den meisten Fällen die Menge tadelt und die wenigen lobt. Folglich "ist die Mehrzahl von ihnen indessen unwissend", "ist die Mehrzahl von ihnen undankbar" (...).

Gott hat seinen Propheten gewarnt, nicht der unwissenden Masse zu folgen: "Wenn du der größten Zahl der auf der Erde Weilenden gehorchst, so werden sie dich vom Weg Gottes abbringen." Mit Lob hingegen spricht Gott von der Minderheit: "Daraufhin habt ihr euch abgewandt - mit Ausnahme weniger unter euch - ihr seid vom Wege abgekommen..." - "Sie haben gesagt: Unsere Herzen sind sündig! Nein! Gott möge sie verfluchen für ihre Ungläubigkeit. Klein ist die Zahl der Gläubigen." - "Als ihnen aber der Kampf anbefohlen war, wandten sie sich ab - bis auf eine geringe Anzahl von ihnen..." - "Wie oft hat eine kleine Menschenschar eine große besiegt...?" (...)

Adnƒn'Ali Ridƒ Al-Nahwi schreibt in seinem Werk Die Shura und nicht die Demokratie (S. 103): "Das Recht wird in unserem Leben nicht von der Menge festgelegt und weder von der Mehrheit noch von der Minderheit verordnet, sondern von offenbarten Regeln und Grundsätzen, einem offenbarten göttlichen Plan: 'Die Gläubigen wissen, daß es die Wahrheit ist, die von ihrem Herrn kommt.'" Er schreibt auch dies: "Von einer Mehrheit, selbst wenn sie aus Muslimen gebildet wird, kann keine Rechtsprechung erfolgen, von einem Parlament oder einem Kongreß, in denen die Hände aufzeigen oder sinken nach Antrieb von Leidenschaften, kann nicht über die Dinge entschieden werden. Die Völker sterben aus und verschwinden. Im Falle des Konflikts und des Rechtsstreits folgen die Menschen nur einem göttlichen Weg..."

Die Deutung, die die frommen Vorfahren von dem Begriff jamƒ'a (Versammlung) gegeben haben, ist nicht auf die Mehrheit gerichtet, sondern einzig und allein auf den Einsatz im Dienste der Wahrheit, und wäre es auch das Handeln eines einzigen Menschen. Nach Abu Shƒma (Al-Bƒith, S. 22) ist "die jamƒ'a die Pflicht, sich für die Wahrheit einzusetzen, selbst wenn sich nur wenige auf jene Pflicht berufen und viele sie nicht achten: Der Prophet und seine Jünger bildeten die erste Versammlung derjenigen, die die Wahrheit verteidigten, und sie kümmerten sich nicht um die Erhaltung all derer, die im Irrtum waren." (...) Man weiß, daß das Volk in Wirklichkeit nicht selbst regieren kann, sondern einzig durch die Vermittlung einer Mehrheit innerhalb gewählter parlamentarischer Versammlungen. In diesem Fall wird die Mehrheit zur Minderheit, und der Weg ist frei für eine andere Art der Willkür, denn der Wille des Volkes hängt nur mehr von jenen ab, die es gewählt hat, und es ist nicht mehr imstande, irgend etwas zu revidieren, außer Kraft zu setzen oder zu verbessern.

Zahlreiche Politologen haben bereits die Ansicht geäußert, daß das Mehrheitsprinzip zu den gefährlichsten Theorien für die individuelle Freiheit zählt. Tatsächlich gilt jede Handlung, die aus diesem auserwählten Kreis hervorgeht, als legitim und legal, denn sie resultiert aus dem Willen der Gemeinschaft. Es ist also ersichtlich, daß die Mehrheit sich in eine tyrannische Mehrheit verwandelt, wie es die Realität auch am häufigsten zeigt. Folglich war die islamische Gemeinschaft eine Gemeinschaft, die die Mehrheit am Arm führte, und nicht die Gemeinschaft der Mehrheit schlechthin. (...) Im Gegensatz zu den Ungläubigen kündigen wir die Demokratie im Namen der Vorschriften der Scharia auf, unter welchen sich die Masse der Muslime jene eingeprägt hat, die den Juden und den Christen unrecht gibt. (...)

Wir verwerfen die Demokratie, die die Lehre des ungläubigen Westens ist (...). Diese Frage ist der Erläuterung bedürftig in einer Epoche, in der sich die Menschen von der Scharia abgewandt haben, denn die Demokratie, die in den muslimischen Ländern am Werk ist, stellt eine Art verachtenswürdiger Bettelei dar. Für den Scheich Mohammed Al-Ghazali sind "(...) die vernünftigen Leute sich einig darüber, daß der Mensch, der bettelt, obwohl er bei sich zu Hause alles hat, was er braucht, sich sehr seltsam verhält. Wenn ihm dies zur Gewohnheit wird, ist er ein kranker Mensch, der Züchtigung verdient." Nationen, die in dieser Weise handeln sind um nichts mehr wert als diese Individuen. Eine Nation, die über ein beträchtliches moralisches und kulturelles Erbe verfügt, handelt absonderlich, wenn sie diese Schätze vergißt (...) und versucht, einer orientalischen oder einer westlichen Front beizutreten, wenn sie dem nicht mehr zustimmt, was man bald als die Rechte, bald als die Linke bezeichnet. Gott dagegen hat nur eine einzige Farbe gewollt: "Die Farbe Gottes! Aber wer kann uns eine bessere Farbe geben als Gott selbst, wenn wir ihn anbeten!"

Aktuelle Ausgabe August 2020

In der Augustausgabe beleuchtet Masha Gessen die clanartigen Strukturen von Trumps Mafia-Staat. Michael Tomasky sieht den designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden auf dem Weg nach links – und erkennt bei dem US-Demokraten gar rooseveltsche Ambitionen. Wieslaw Jurczenko analysiert die Ursachen des Wirecard-Desasters und damit das Totalversagen der deutschen Finanzaufsicht. Raul Zelik fordert, die Eigentumsverhältnisse wieder in den Blick zu nehmen, um so den Sozialismusbegriff wiederzubeleben. Und Klaus Vieweg befreit Hegel, der vor knapp 250 Jahren geboren wurde, vom Totalitarismusverdacht.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Afrika: Die zweifache Katastrophe

von Simone Schlindwein

Es sind grausame Szenarien, die für Afrika projiziert werden. Von „zehn Millionen Toten“ durch das Coronavirus auf dem Kontinent warnte Microsoft-Gründer Bill Gates bereits im Februar: Ein massiver Ausbruch würde die ohnehin maroden Gesundheitssysteme Afrikas „überwältigen“ und dadurch zu einem Massensterben führen, erklärte er. Die Warnung Gates‘ kam nur wenige Stunden bevor in Ägypten der erste Covid-19-Fall auf dem Kontinent bestätigt wurde. Seitdem breitet sich das Virus stetig weiter gen Süden aus und mit ihm auch die Angst.