Ausgabe Juni 1993

Einheit ohne nachhaltige Entwicklung?

Als die geschlossene Gesellschaft der DDR implodierte, entstand die Frage, ob die herrschenden Eliten der Altbundesrepublik wohl fähig sein würden, ihren stets verkündeten Ansprüchen gemäß als Repräsentanten einer offenen Gesellschaft zu handeln.

Doch sie waren nicht einmal imstande, diesen Handlungsbedarf wahrzunehmen: die Dringlichkeit einer Öffnung des ganzen, vereinten Deutschlands für einen tiefgreifenden sozialen Wandel, und nicht nur seines östlichen Teils. Statt dessen wurde als Grundprämisse der deutschen Einheit verbreitet, daß Ostdeutschland in Kürze so werden müßte, wie Westdeutschland bis zur Einheit war. Die Mehrheit der ostdeutschen Wähler stimmte dem erwartungsvoll zu. Dies war das Grunddefizit bei der Begründung der deutschen Einheit: Als die Geschichte im Osten in Bewegung geriet, bleibt die als offen angesehene Gesellschaft im Westen verschlossen gegen eigene Aufbrüche und internationale Herausforderungen unserer Zeit.

E r s t e n s: Die Einführung des Marktmechanismus in den neuen Bundesländern war eine unausweichliche Schlußfolgerung aus dem Scheitern des Staatsdirigismus. Aber eine vielfach anerkannte Erfahrung ist, daß der Markt vor strategischen Aufgaben, die über die pure Rationalität von Geld und Gewinn hinausweisen, zwangsläufig versagen muß.

Juni 1993

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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