Ausgabe Juni 1993

Lebensqualität neu definieren

Das neue Deutschland ist ein Produkt des Zufalls. Zufall nicht in dem Sinne, daß es aus heiterem Himmel über uns gekommen ist.

Aber es gibt keinen linearen Zusammenhang zwischen einem politischen Willen und dem Vollzug der Einheit. Die Konservativen, die sich in Westdeutschland als Architekten der Einheit preisen, haben selber seit Jahren nicht mehr ernsthaft an die Möglichkeit einer Wiedervereinigung geglaubt. Die entsprechenden Floskeln in den Parteiprogrammen der CDU wurden nur noch aus Traditionsgründen mitgeschleppt. Das faktische Arrangement mit der Zweistaatlichkeit ging allen ideologischen Beteuerungen der Einheit zum Trotz so weit, daß auch in Unionskreisen diskutiert wurde, den Grundgesetzartikel, der eine auf die Vereinigung ausgerichtete Politik dringend vorschrieb, ändern zu helfen. Die Vereinigung war damit nicht Ergebnis eines politischen Willens, an dem ernsthaft festgehalten und aus dem die entsprechenden Konsequenzen gezogen worden waren. Im nachhinein versucht die Union allerdings den Eindruck zu erwecken, als habe sie immer zielstrebig auf dieses Ereignis hingearbeitet.

Auf der anderen Seite gab es auch im osteuropäischen Bereich nicht den Willen, genau die Form der Einheit anzustreben, die sich nun historisch ereignet hat.

Juni 1993

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fossilistischer Kolonialismus

von Friederike Otto

Die Erderhitzung vernichtet schon heute weltweit die Lebensgrundlagen vieler Menschen – allen voran jener, die ohnehin benachteiligt sind. Wir müssen die Klimakrise auch als Gerechtigkeitskrise begreifen – und die ihr zugrundeliegenden Machtstrukturen transformieren.

Globales Elend und die Diktatur der Superreichen

von Ute Scheub

Sie düsen in Privatjets um die Welt, um Immobilien und Konzernketten an sich zu reißen. Sie kaufen ganze Landschaften und Inseln, um sich dort im größten Luxus abzukapseln. Sie übernehmen Massenmedien, um sich selbst zu verherrlichen und gegen Arme und Geflüchtete zu hetzen.