Ausgabe Februar 1995

Die Weise vom sittlichen Staat.

Warum bei Sibylle Tönnies einiges durcheinandergeht

Dem Historiker stellen sich intellektuelle Debatten als eine Art Choreographie der Umorientierung oder (bestenfalls) des Umdenkens dar. Das Hin und Her von Argumenten und der Positionswechsel von Personen lassen veränderte Problemlagen und sich neu verbindende Koalitionen erkennen. Solche Debatten sind keine herrschaftsfreien Diskurse. Sie werden meist asymmetrisch geführt; d.h. der eine Teil findet in der Regel größere mediale Akzeptanz oder gar machtvollen institutionellen Rückhalt.

So haben die Vorstellungen der einen Seite in der Regel eine größere Verbreitung und einen stärkeren "Nachdruck" als die der anderen. Intellektuelle Debatten kann man "pushen", aber nicht erfinden. Sie ziehen nur dann Aufmerksamkeit an sich, wenn sie in ihre Zeit "passen"; was aber nicht heißen muß, daß sie ihre Zeit begrifflich verarbeiten. Besonders aufschlußreich ist es, wenn dem Verlauf einer Debatte unter Berufung auf ein aktuelles Ereignis von historischer Dimension eine andere Richtung gegeben werden kann, wenn dadurch die Möglichkeit besteht, die eigene Definitions- und Zurechnungsmacht zu stärken und die Gegenseite mit dem Verdacht des moralisch Verwerflichen zu überziehen. Das ist bei der Frage, was man nun von den 68ern und ihrem Verhältnis zur Bundesrepublik halten soll, der Fall.

Februar 1995

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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