Ausgabe Februar 1995

Die Weise vom sittlichen Staat.

Warum bei Sibylle Tönnies einiges durcheinandergeht

Dem Historiker stellen sich intellektuelle Debatten als eine Art Choreographie der Umorientierung oder (bestenfalls) des Umdenkens dar. Das Hin und Her von Argumenten und der Positionswechsel von Personen lassen veränderte Problemlagen und sich neu verbindende Koalitionen erkennen. Solche Debatten sind keine herrschaftsfreien Diskurse. Sie werden meist asymmetrisch geführt; d.h. der eine Teil findet in der Regel größere mediale Akzeptanz oder gar machtvollen institutionellen Rückhalt.

So haben die Vorstellungen der einen Seite in der Regel eine größere Verbreitung und einen stärkeren "Nachdruck" als die der anderen. Intellektuelle Debatten kann man "pushen", aber nicht erfinden. Sie ziehen nur dann Aufmerksamkeit an sich, wenn sie in ihre Zeit "passen"; was aber nicht heißen muß, daß sie ihre Zeit begrifflich verarbeiten. Besonders aufschlußreich ist es, wenn dem Verlauf einer Debatte unter Berufung auf ein aktuelles Ereignis von historischer Dimension eine andere Richtung gegeben werden kann, wenn dadurch die Möglichkeit besteht, die eigene Definitions- und Zurechnungsmacht zu stärken und die Gegenseite mit dem Verdacht des moralisch Verwerflichen zu überziehen. Das ist bei der Frage, was man nun von den 68ern und ihrem Verhältnis zur Bundesrepublik halten soll, der Fall.

Februar 1995

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Dezember 2020

Joe Biden heißt der Sieger dieser historischen US-Präsidentschaftswahl. In der Dezember-Ausgabe beleuchten die Politikwissenschaftler Peter Beinart und Albena Azmanova, der Ökonom Marshall Auerback sowie die Journalistin Elaine Godfrey die Gründe für Trumps Niederlage sowie die gewaltigen Herausforderungen, vor denen der designierte Präsident und dessen Partei stehen. Die Ökonomin Mariana Mazzucato plädiert dafür, in der Coronakrise die Weichen für die Schaffung einer inklusiveren und nachhaltigeren Wirtschaftsweise zu stellen. »Blätter«-Redakteurin Annett Mängel legt dar, wie eine resonanzstarke Minderheit von Ärzten die Pandemie verharmlost und so den Coronaleugnern in die Hände spielt. Und die Journalistin Cinzia Sciuto sowie der Philosoph Pascale Bruckner plädieren für einen deutlich kritischeren Umgang mit dem Islamismus – gerade seitens der Linken.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema