Ausgabe Juli 1996

Die Ambivalenz der Normalisierung

Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Schlagwort von der "neuen Normalität". Unter diesem vieldeutig-unbestimmten Signum finden landauf, landab Kontroversen auf den unterschiedlichsten Gebieten statt, Ausdruck der von Grund auf veränderten Lage der deutschen Dinge. Anders als vordem DDR und BRD, die im Rahmen des Systemkonflikts ihren unverrückbaren Ort hatten und sich, wenn auch entgegengesetzt, beide primär systemisch definierten, ist Deutschland nun - für die meisten überraschend und noch immer ungewohnt - wieder nationalstaatlich verfaßt. Umstritten ist, was aus diesem Umbruch folgt. Die Phrase Wir sind wieder 'normal' geworden diagnostizierte Jürgen Habermas als "die zweite Lebenslüge der Bundesrepublik". In den Kontroversen um Asylrecht und Interventionen im ehemaligen Jugoslawien wollte er einen regelrechten "Mentalitätsbruch" ausmachen. 1)

Auf der anderen Seite gerät der national gesinnten Historikerin Brigitte Seebacher-Brandt "Normalität" geradezu zum archimedischen Punkt der radikalen Umwälzung sowohl der Folgen der deutschen Teilung als auch altbundesrepublikanischer Spezifik: "Von Normalität reden heißt, reden gegen all das, was die gesamtdeutsche Gegenwart ausmacht.

Juli 1996

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema