Ausgabe Juli 1996

Die Ambivalenz der Normalisierung

Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Schlagwort von der "neuen Normalität". Unter diesem vieldeutig-unbestimmten Signum finden landauf, landab Kontroversen auf den unterschiedlichsten Gebieten statt, Ausdruck der von Grund auf veränderten Lage der deutschen Dinge. Anders als vordem DDR und BRD, die im Rahmen des Systemkonflikts ihren unverrückbaren Ort hatten und sich, wenn auch entgegengesetzt, beide primär systemisch definierten, ist Deutschland nun - für die meisten überraschend und noch immer ungewohnt - wieder nationalstaatlich verfaßt. Umstritten ist, was aus diesem Umbruch folgt. Die Phrase Wir sind wieder 'normal' geworden diagnostizierte Jürgen Habermas als "die zweite Lebenslüge der Bundesrepublik". In den Kontroversen um Asylrecht und Interventionen im ehemaligen Jugoslawien wollte er einen regelrechten "Mentalitätsbruch" ausmachen. 1)

Auf der anderen Seite gerät der national gesinnten Historikerin Brigitte Seebacher-Brandt "Normalität" geradezu zum archimedischen Punkt der radikalen Umwälzung sowohl der Folgen der deutschen Teilung als auch altbundesrepublikanischer Spezifik: "Von Normalität reden heißt, reden gegen all das, was die gesamtdeutsche Gegenwart ausmacht.

Juli 1996

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