Ausgabe September 1996

Zwischen Tabu und Skandal

Zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik

Nach dem unrühmlichen Ende eines der drei Nachfolgestaaten des Großdeutschen Reiches scheint es nun völlig unangemessen, der Bundesrepublik hinsichtlich der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit den Rang abzusprechen. In ihrem Selbstgefühl und oft genug auch in der Außenwahrnehmung ist die Bundesrepublik gegenüber der Nachbarrepublik Österreich etwa dort, wo sich seinerzeit die DDR gegenüber der Bonner Konkurrenz gewähnt hatte - nämlich "eine Epoche weiter". Für die DDR hat sich das bekanntlich als Irrtum als erwiesen. Diese Täuschung sollte zum Anlaß genommen werden, generell vom Denken in Stufen, Stadien und was dazugehört: nämlich Vorbildern, Abschied zu nehmen. 1) Das "Recht auf den eigenen Weg" gilt auch für die Formen nationaler Selbstverständigung über die NS-Vergangenheit.

Insofern ist Vorsicht geboten, wenn von "gelungenen" Formen der Aufarbeitung die Rede ist oder wenn "Verspätung" oder "Versagen" von jenen in Anschlag gebracht werden, die für sich in Anspruch nehmen, ihre "Lektion gelernt" zu haben. Für diese Absage an normative Vorstellungen einer gelungenen Aufarbeitung gibt es zwei Gründe, einen pragmatischen und einen prinzipiellen.

September 1996

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Im Zeitalter der Verwüstung

von Mathias Greffrath

2019 war das Jahr, in dem kein Tag verging, ohne neue Klimakatastrophenmeldungen: Brandherde in Bolivien, so groß wie zwei Bundesländer, gestorbene Gletscher auf Island, Dürre im Sudan, tausende Hitzetote in Europa, 700 Millionen Euro Ernteschäden in Deutschland, Venedig unter Wasser wie lange nicht, und immer dramatischere Zahlen.

Mythos Erhard: Die Legende vom deutschen Wirtschaftswunder

von Ulrike Herrmann

Vor bald 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Danach soll Westdeutschland, so will es die Legende, ein einzigartiges „Wirtschaftswunder“ erlebt haben, das allein der Währungsreform zu verdanken sei. Und wie in jedem Märchen gibt es dabei auch einen Helden: Ludwig Erhard. Selbst Grüne lassen sich inzwischen mit seinem Konterfei abbilden.