Ausgabe Juni 1997

Eine ins Lob gekleidete deutliche Mahnung

Daniel Goldhagens Modell Bundesrepublik und das Echo

Man wunderte sich sehr. Mitunter traute man seinen Ohren nicht ("Das Parlament"), ein Geschichtswunder vermeldete die "Frankfurter Rundschau", und Lob, Lob, Lob registrierten die Tageszeitungen reihum für Deutschland als Modell ("Kölner Stadtanzeiger") - Lob von Goldhagen ("Stuttgarter Nachrichten"), Goldhagen lobt Deutsche ("Der Tagesspiegel"), Man muß die Deutschen loben ("die tageszeitung"). Was war passiert? Daniel Goldhagen hatte den Demokratiepreis der "Blätter für deutsche und internationale Politik" bekommen und in seiner Dankesrede die Vergangenheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland gelobt, dem Land und seinen Bürgern demokratische Reife bescheinigt, ja, mehr noch, Deutschland in dieser Hinsicht zu einem für andere Nationen nachahmenswerten Vorbild erklärt. Ein Lob, das ratlos machte, titelte der "Rheinische Merkur": Ein derartiges Kompliment hatte an diesem Abend wohl niemand erwartet. Schon gar nicht vom Autor des Bestsellers "Hitlers willige Vollstrecker". Es war wohl so.

Aber warum eigentlich? Daniel Goldhagen hatte, und zwar nicht erst auf seiner letztjährigen Tournee durch mehrere deutsche Städte, sondern bereits zuvor, zwischen dem Deutschland, von dem sein Buch handelt, und dem Zustand der heutigen Bundesrepublik strikt unterschieden.

Juni 1997

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Micha Brumlik: Ein furchtloser Streiter für die Aufklärung

von Meron Mendel

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel und anschließend der Krieg der Netanjahu-Regierung in Gaza begann, fragten mich viele nach der Position eines Mannes – nach der Micha Brumliks. Doch zu diesem Zeitpunkt war Micha bereits schwer krank. Am 10. November ist er in Berlin gestorben.

Israel in der dekolonialen Matrix

von Eva Illouz

Manchmal kommt es auf der Weltbühne zu Ereignissen, die unmittelbar einen grundlegenden Bruch markieren. Der 7. Oktober 2023 war ein solches Ereignis. Die Hamas verübte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, indem sie fast 1200 Israelis ermordete.

Kein »Lernen aus der Geschichte«

von Alexandra Klei, Annika Wienert

Wofür steht der 8. Mai 1945 in der deutschen Erinnerungskultur? Bereits zum 70. und zum 75. Jahrestags beschäftigten wir uns ausführlich mit dieser Frage. Ist dem jetzt, am 80. Jahrestag, etwas Neues hinzuzufügen?