Ausgabe Mai 1997

Sieger oder Verlierer

Die sozialökonomische Situation Japans

Im Windschatten der Pax Americana war Japan zu einem Gravitationszentrum der Weltwirtschaft herangewachsen. Seine Waren- und Kapitalexporte expandierten vor allem in den 1980er Jahren und ließen das rohstoffarme Inselland zum weltgrößten Netto-Gläubiger gegenüber seinem Schutzpatron und besten Kunden, den USA, aufsteigen. 1) Gemeinsam mit der Bundesrepublik galt Japan als Etappensieger im vermeintlichen Wettlauf der Volkswirtschaften. Fortan stand das Land der aufgehenden Sonne im ideologischen Rampenlicht: Je nach Interesse versuchten Kenner nachzuweisen, daß Japans Aufstieg das Resultat a) eines kulturhistorischen Sonderweges, b) einer "staatsmonopolistischen" Verbindung vormodernen Sozialdumpings und unfairen Merkantilismus, c) eines Modells für den aufholenden "Orient" oder d) einer vorauseilenden Variante des Postfordismus sei.

In den 1990er Jahren geraten Japans Wirtschaft und Gesellschaft allerdings in eine tiefe Krise: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst real seit 1991 um weniger als 1,5% jährlich. Die Banken haben 10% ihres Kreditvolumens abzuschreiben. Sie gelten im internationalen Geschäft als unsichere Partie und müssen sich einen Zinsaufschlag als Risikoprämie gefallen lassen. In der Politik geht 1993 die 38jährige politische Alleinherrschaft der konservativen Liberaldemokraten (LDP) zuende.

Mai 1997

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