Ausgabe Juni 1998

Zur gesellschaftlichen Funktion von Geschichtsbildern

Überlappungen von Konservatismus und Nationalsozialismus

Geschichtsbilder sind die zeitliche Seite von Gesellschaftsbildern und Gesellschaftsbilder die soziale Seite von Geschichtsbildern. Unter Geschichtsbildern verstehe ich Grundannahmen über Verlauf und Gesetzmäßigkeit der Geschichte. Das können funktionalistische oder intentionalistische, deterministische oder indeterministische, kausalistische oder voluntaristische Annahmen sein, die sich mit Mythen, Geschichtsphilosophien, Evolutionstheorien oder historiographischen Erzählungen zu einer "dichten Beschreibung" (Clifford Geertz) verbinden. Sie leiten sowohl den Blick der Wissenschaft auf ihr Objekt wie den der sozialen Akteure auf die gesellschaftliche und geschichtliche Welt, in der diese leben. Soziologen, die Geschichts- und Gesellschaftsbilder beobachten, werden in der Regel zum Funktionalismus neigen, heuristische Kausalschemata mit Indeterminismus koppeln und evolutionstheoretische oder gesellschaftsgeschichtliche Erklärungen bevorzugen. Das liegt nicht nur an der Soziologie, sondern auch, wie ich denke, an der Natur der Sache. Die Sache, um die es hier geht, ist die Funktion von Geschichtsbildern im Nationalsozialismus. Unter Historikern gibt es dazu eine weit über die Fachgrenzen hinaus bekannte Kontroverse zwischen Funktionalisten und Intentionalisten über die von den Nazis sogenannte "Endlösung der Judenfrage".

Juni 1998

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