Ausgabe Mai 1999

Anachronistische Wunder

Zur Zukunft der Volksparteien nach dem Zerfall ihrer Voraussetzungen

Unendlich weit zurück liegt die Bundestagswahl vom letzten September bereits nach einem guten halben Jahr. Auf lange Zeit erledigt schienen damals die Christdemokraten. Der siegreichen SPD bescheinigten kluge Beobachter die "Chance zur langfristigen politischen Hegemonie". 1) Doch dann taumelte die neue Mehrheit von einer Krise in die nächste. Die Sozialdemokratie verlor eine Landtagswahl und ihren Parteivorsitzenden. Danach begann der Krieg im Kosovo. Unter rot-grüner Führung wurde die Bundesrepublik erstmals in ihrer Geschichte zum kriegführenden Staat. Viel hat sich verändert in den Monaten seit der Bundestagswahl; kaum eine der gängigen Annahmen, die ausgangs der Ära Kohl über Aussichten und Kräfteverhältnisse der großen Parteien angestellt wurden, scheint noch zu stimmen. Von lange währender sozialdemokratischer Vormacht jedenfalls redet fürs erste niemand mehr. Doch in Wirklichkeit lag die Botschaft, daß es verläßliche, in den Strukturen und Mentalitäten der Gesellschaft wurzelnde Hegemonien einzelner Parteien in Zukunft nicht mehr geben wird, bereits in der Art und Weise verborgen, wie 1998 der sozialdemokratische Sieg und die christdemokratische Niederlage zustande kamen.

Mai 1999

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2020

In der Juni-Ausgabe analysiert die Journalistin Kate Aronoff, wie sich Corona-Pandemie, Verschuldung und Klimawandel im globalen Süden zu einer dreifachen Krise verschränken. Die Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman zeigen, wie die einst progressive Steuerpolitik der USA durch eine systematische Bevorzugung der Reichen abgelöst wurde. Der Agrarwissenschaftler Knut Ehlers und der Präsident des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, plädieren für eine radikale Transformation der Landwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit. Und »Blätter«-Redakteur Steffen Vogel ergründet den Zusammenhang zwischen Verschwörungsglaube und Popkultur.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Parteien

God‘s own country: Der Kampf um die Religiösen

von Claus Leggewie

Mit dem »Super Tuesday« am 3. März treten die Vorwahlen der US-Demokraten in die entscheidende Phase ein. Überraschend geht dabei neben Bernie Sanders nach ersten starken Ergebnissen auch Pete Buttigieg als Favorit ins Rennen. Wer aber ist überhaupt in der Lage, die USA und die Welt vor weiteren vier Jahren unter Donald Trump zu bewahren? Dem widmen sich die Beiträge von James K. Galbraith (zu Sanders‘ Wirtschaftsprogramm), Claus Leggewie (zur Rolle der Religion im Wahlkampf) und Paul M. Renfro, dessen Text zur Strategie von Buttigieg auch zeigt, wie erbittert die parteiinterne Debatte inzwischen geführt wird.