Ausgabe Mai 1999

Anachronistische Wunder

Zur Zukunft der Volksparteien nach dem Zerfall ihrer Voraussetzungen

Unendlich weit zurück liegt die Bundestagswahl vom letzten September bereits nach einem guten halben Jahr. Auf lange Zeit erledigt schienen damals die Christdemokraten. Der siegreichen SPD bescheinigten kluge Beobachter die "Chance zur langfristigen politischen Hegemonie". 1) Doch dann taumelte die neue Mehrheit von einer Krise in die nächste. Die Sozialdemokratie verlor eine Landtagswahl und ihren Parteivorsitzenden. Danach begann der Krieg im Kosovo. Unter rot-grüner Führung wurde die Bundesrepublik erstmals in ihrer Geschichte zum kriegführenden Staat. Viel hat sich verändert in den Monaten seit der Bundestagswahl; kaum eine der gängigen Annahmen, die ausgangs der Ära Kohl über Aussichten und Kräfteverhältnisse der großen Parteien angestellt wurden, scheint noch zu stimmen. Von lange währender sozialdemokratischer Vormacht jedenfalls redet fürs erste niemand mehr. Doch in Wirklichkeit lag die Botschaft, daß es verläßliche, in den Strukturen und Mentalitäten der Gesellschaft wurzelnde Hegemonien einzelner Parteien in Zukunft nicht mehr geben wird, bereits in der Art und Weise verborgen, wie 1998 der sozialdemokratische Sieg und die christdemokratische Niederlage zustande kamen.

Mai 1999

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Parteien