Wenige Wochen vor seinem Tod hat Ignatz Bubis mit seinem letzten Interview viele Menschen verstört. Im Grunde nichts erreicht habe er in seinen Jahren als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: Die Deutschen würden sich stolz zu Beethoven bekennen, aber gar nicht zu ihrer Verantwortung für Himmler, Juden würden als Fremde betrachtet, und er selbst wolle sich in Israel bestatten lassen, damit es nicht zu einem Sprengstoffanschlag auf sein Grab komme wie auf das seines in Berlin beerdigten Vorgängers. Gerade in der Trauer um Bubis lohnt sich ein Blick auf die Reaktionen, die seine pessimistischen Äußerungen hervorriefen. Die Walsers, die den kranken Ignatz Bubis zu Worten der Verzweiflung provoziert hatten, blieben still. Wohlmeinende deutsche Nichtjuden, die üblichen Verdächtigen unter den Leitartiklern voran, stimmten Bubis zu - mit dem Basso continuo der Selbstanklage, trotz allem irgendwie ritualisierten Gedenken ziehe doch niemand wirklich Lehren aus den Schrecken von Auschwitz.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.