Wenige Wochen vor seinem Tod hat Ignatz Bubis mit seinem letzten Interview viele Menschen verstört. Im Grunde nichts erreicht habe er in seinen Jahren als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: Die Deutschen würden sich stolz zu Beethoven bekennen, aber gar nicht zu ihrer Verantwortung für Himmler, Juden würden als Fremde betrachtet, und er selbst wolle sich in Israel bestatten lassen, damit es nicht zu einem Sprengstoffanschlag auf sein Grab komme wie auf das seines in Berlin beerdigten Vorgängers. Gerade in der Trauer um Bubis lohnt sich ein Blick auf die Reaktionen, die seine pessimistischen Äußerungen hervorriefen. Die Walsers, die den kranken Ignatz Bubis zu Worten der Verzweiflung provoziert hatten, blieben still. Wohlmeinende deutsche Nichtjuden, die üblichen Verdächtigen unter den Leitartiklern voran, stimmten Bubis zu - mit dem Basso continuo der Selbstanklage, trotz allem irgendwie ritualisierten Gedenken ziehe doch niemand wirklich Lehren aus den Schrecken von Auschwitz.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.