Ausgabe April 2000

Befreiung vom Kapitalismus? Befreiung durch Kapitalismus?

Geradezu enthusiastisch feiert die französische Presse – von „La Croix“ bis „L ́Humanité“ – seit seinem Erscheinen im vergangenen Herbst ein Buch, das in der Bundesrepublik bislang kaum zur Kenntnis genommen wurde und dessen Entstehung hierzulande auch schwer vorstellbar erscheint. Schon der Titel „Le nouvel esprit du capitalisme“ dürfte eher befremden, obgleich die Autoren – Luc Boltanski und Ève Chiapello – mit ihm einem deutschen Klassiker ihre Reverenz erweisen: Max Webers „Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus“. Bei dem 800-Seiten-Wälzer aus den Editions Gallimard handelt es sich um das Ergebnis eines 1995, im Jahr der französischen Herbststreiks, begonnenen Forschungsprojekts, das die Förderung der Handelsakademie HEC (École des hautes études commerciales) und der École de hautes études en sciences sociales (EHESS) genoß, beides Pariser Eliteinstitutionen. Luc Boltanski gilt als „Dissident“ aus der Schule Pierre Bourdieus, Ève Chiapello reussierte mit einem Buch über Management und „künstlerische Kritik“, letztere eine für die hier vorzustellende Studie zentrale Kategorie („Artistes versus managers. Le management culturel face à la critique artiste“, Paris 1998).

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Kapitalismus

Blackout: Die imperiale Lebensweise lässt sich nicht »abschalten«

von Ulrich Brand, Markus Wissen

Fünf lange Tage waren zehntausende Haushalte und mehr als 2000 Unternehmen bei eisigen Temperaturen im Berliner Südwesten Anfang Januar ohne Strom und ohne Heizung. Ausgelöst wurde der Stromausfall durch einen Brandanschlag auf eine wichtige, oberirdisch verlaufende Kabelbrücke des Berliner Stromnetzes.

Klasse statt Identität

von Lea Ypi

Die Aufklärung wird heutzutage oft geschmäht, sowohl von rechts als auch von links. Von der Rechten, weil kritisches Reflektieren, der Mut, sich seines Verstandes zu bedienen (Kant), schon immer eine Bedrohung für die passive Unterwerfung gegenüber Autorität bedeutet hat, die für die Normalisierung von Ausgrenzungen erforderlich ist.

Mythos grüne Digitalisierung

von Ingo Dachwitz, Sven Hilbig

Unter dem KI-Boom leidet vor allem der Globale Süden: durch Ausbeutung billiger Arbeitskräfte und Ressourcen, als Empfänger von Elektroschrott und durch den beschleunigten Klimawandel. Positive Veränderungen können nur gelingen, wenn die EU gleichberechtigte Partnerschaften mit den betroffenen Ländern schließt.