Ausgabe Januar 2000

Torgauer Gedenken

"Dem unbekannten Deserteur" widmeten Kriegsdienstverweigerer das Denkmal, das sie 1986 in Bremen aufstellten. Unschwer zu bemerken: Es war die Zeit der Friedensbewegung, und dieses Denkmal war wohl das erste seiner Art in der Bundesrepublik. In dieser Zeit war es auch möglich, daß Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz nach Jahrzehnten andauernder Diskriminierung den Entschluß fassen konnten, gegen die weiterhin gültigen Urteile der Wehrmachtsjustiz anzugehen und sich gegen ihre gesellschaftliche Ächtung zur Wehr zu setzen. Heute geht es wieder um die Gestaltung eines Denkmals, das - auch - für sie errichtet werden soll. Doch dagegen protestieren sie heftig. Dieses Denkmal soll in Torgau entstehen, einem Ort, der den meisten wohl am ehesten durch das symbolträchtige Zusammentreffen sowjetischer und US-amerikanischer Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt ist.

Doch Torgau war auch das Zentrum der NSMilitärjustiz. Zwei Militärgefängnisse gab es dort, ab 1943 residierte das Reichskriegsgericht in der kleinen Stadt. Von den allein über 70 000 als Deserteure und "Wehrkraftzersetzer" durch diese Gerichte Verurteilten haben nicht einmal 4000 die Verfolgung in den KZs und Strafbataillonen überlebt. Torgau war zudem selbst ein Ort der Vollstreckung.

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