Ausgabe Januar 2000

Torgauer Gedenken

"Dem unbekannten Deserteur" widmeten Kriegsdienstverweigerer das Denkmal, das sie 1986 in Bremen aufstellten. Unschwer zu bemerken: Es war die Zeit der Friedensbewegung, und dieses Denkmal war wohl das erste seiner Art in der Bundesrepublik. In dieser Zeit war es auch möglich, daß Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz nach Jahrzehnten andauernder Diskriminierung den Entschluß fassen konnten, gegen die weiterhin gültigen Urteile der Wehrmachtsjustiz anzugehen und sich gegen ihre gesellschaftliche Ächtung zur Wehr zu setzen. Heute geht es wieder um die Gestaltung eines Denkmals, das - auch - für sie errichtet werden soll. Doch dagegen protestieren sie heftig. Dieses Denkmal soll in Torgau entstehen, einem Ort, der den meisten wohl am ehesten durch das symbolträchtige Zusammentreffen sowjetischer und US-amerikanischer Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt ist.

Doch Torgau war auch das Zentrum der NSMilitärjustiz. Zwei Militärgefängnisse gab es dort, ab 1943 residierte das Reichskriegsgericht in der kleinen Stadt. Von den allein über 70 000 als Deserteure und "Wehrkraftzersetzer" durch diese Gerichte Verurteilten haben nicht einmal 4000 die Verfolgung in den KZs und Strafbataillonen überlebt. Torgau war zudem selbst ein Ort der Vollstreckung.

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Im Zeitalter der Verwüstung

Bild: imago images / Future Image

Im Zeitalter der Verwüstung

von Mathias Greffrath

2019 war das Jahr, in dem kein Tag verging, ohne neue Klimakatastrophenmeldungen: Brandherde in Bolivien, so groß wie zwei Bundesländer, gestorbene Gletscher auf Island, Dürre im Sudan, tausende Hitzetote in Europa, 700 Millionen Euro Ernteschäden in Deutschland, Venedig unter Wasser wie lange nicht, und immer dramatischere Zahlen.

Mythos Erhard: Die Legende vom deutschen Wirtschaftswunder

von Ulrike Herrmann

Vor bald 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Danach soll Westdeutschland, so will es die Legende, ein einzigartiges „Wirtschaftswunder“ erlebt haben, das allein der Währungsreform zu verdanken sei. Und wie in jedem Märchen gibt es dabei auch einen Helden: Ludwig Erhard. Selbst Grüne lassen sich inzwischen mit seinem Konterfei abbilden.