Ausgabe Oktober 2000

Abschied vom Westen?

Das Blätter-Sommerabo

Zur Debatte um die Historisierung der Bonner Republik

Historisierung, recht verstanden, ist nichts anderes als das Geschäft der Geschichtswissenschaft. Ereignisse, Strukturen, Prozesse werden in ihren zeitlichen Kontexten gedeutet, periodisiert, im Verhältnis von Kontinuitäten und Brüchen verortet. Professionelle Zeitgeschichte oder Neueste Geschichte bedarf für ihre analytische und hermeneutische Arbeit eines gewissen zeitlichen Abstands, der in der Regel im generationellen Wechsel zustande kommt und seinen technischen Ausdruck etwa in den meist dreißigjährigen Sperrfristen staatlicher Archive findet. Daraus ergibt sich eine prinzipielle Schwierigkeit der Diskussion über eine Historisierung der "Bonner Republik", denn wir befinden uns bei diesem Thema auf der Nahtstelle von bereits überblickbarer jüngster Geschichte und dem zehn- bis dreißigjährigen Niemandsland zwischen Zeitgeschichte und Gegenwart. Geschichtswissenschaftlich erprobte und diskutierte Deutungsmuster stehen hier kaum schon zur Verfügung (im angelsächsischen Sprachraum kennt man den Unterschied von Contemporary und Current History). Insofern liegt die Vermutung nahe, daß mit der Forderung nach einer Historisierung der "Bonner" oder der "alten" Bundesrepublik etwas anderes gemeint ist als eine professionelle Selbstverständlichkeit.

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Aktuelle Ausgabe Mai 2020

In der Mai-Ausgabe analysiert der Historiker Adam Tooze das radikal Neue der Coronakrise, deren ökonomische Folgen uns noch auf Jahrzehnte beschäftigen werden. Die Politikwissenschaftler Kurt M. Campbell und Rush Doshi zeigen, wie sich China im Kampf gegen die Pandemie als neue globale Führungsmacht positioniert – vor allem gegen die USA. Der Historiker Yuval Noah Harari mahnt, dass wir Herausforderungen wie Covid-19 nur in globaler Kooperation bewältigen können. „Blätter“-Redakteur Albrecht von Lucke erörtert, wie sich die Demokratie gegen den Ausnahmezustand bewähren kann – und muss. Und Simone Schlindwein, Ellen Ehmke, Jessé Souza sowie Franziska Fluhr widmen sich den Folgen der Coronakrise für den globalen Süden.

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