Ausgabe Oktober 2000

Abschied vom Westen?

Zur Debatte um die Historisierung der Bonner Republik

Historisierung, recht verstanden, ist nichts anderes als das Geschäft der Geschichtswissenschaft. Ereignisse, Strukturen, Prozesse werden in ihren zeitlichen Kontexten gedeutet, periodisiert, im Verhältnis von Kontinuitäten und Brüchen verortet. Professionelle Zeitgeschichte oder Neueste Geschichte bedarf für ihre analytische und hermeneutische Arbeit eines gewissen zeitlichen Abstands, der in der Regel im generationellen Wechsel zustande kommt und seinen technischen Ausdruck etwa in den meist dreißigjährigen Sperrfristen staatlicher Archive findet. Daraus ergibt sich eine prinzipielle Schwierigkeit der Diskussion über eine Historisierung der "Bonner Republik", denn wir befinden uns bei diesem Thema auf der Nahtstelle von bereits überblickbarer jüngster Geschichte und dem zehn- bis dreißigjährigen Niemandsland zwischen Zeitgeschichte und Gegenwart. Geschichtswissenschaftlich erprobte und diskutierte Deutungsmuster stehen hier kaum schon zur Verfügung (im angelsächsischen Sprachraum kennt man den Unterschied von Contemporary und Current History). Insofern liegt die Vermutung nahe, daß mit der Forderung nach einer Historisierung der "Bonner" oder der "alten" Bundesrepublik etwas anderes gemeint ist als eine professionelle Selbstverständlichkeit.

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