Ausgabe Oktober 2000

Abschied vom Westen?

Zur Debatte um die Historisierung der Bonner Republik

Historisierung, recht verstanden, ist nichts anderes als das Geschäft der Geschichtswissenschaft. Ereignisse, Strukturen, Prozesse werden in ihren zeitlichen Kontexten gedeutet, periodisiert, im Verhältnis von Kontinuitäten und Brüchen verortet. Professionelle Zeitgeschichte oder Neueste Geschichte bedarf für ihre analytische und hermeneutische Arbeit eines gewissen zeitlichen Abstands, der in der Regel im generationellen Wechsel zustande kommt und seinen technischen Ausdruck etwa in den meist dreißigjährigen Sperrfristen staatlicher Archive findet. Daraus ergibt sich eine prinzipielle Schwierigkeit der Diskussion über eine Historisierung der "Bonner Republik", denn wir befinden uns bei diesem Thema auf der Nahtstelle von bereits überblickbarer jüngster Geschichte und dem zehn- bis dreißigjährigen Niemandsland zwischen Zeitgeschichte und Gegenwart. Geschichtswissenschaftlich erprobte und diskutierte Deutungsmuster stehen hier kaum schon zur Verfügung (im angelsächsischen Sprachraum kennt man den Unterschied von Contemporary und Current History). Insofern liegt die Vermutung nahe, daß mit der Forderung nach einer Historisierung der "Bonner" oder der "alten" Bundesrepublik etwas anderes gemeint ist als eine professionelle Selbstverständlichkeit.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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