Ausgabe März 2001

Preußenlegende, die vierte

1892 veröffentlichte der sozialdemokratische Historiker Franz Mehring das Buch "Die Lessing-Legende". Friedrich Engels nannte es die "bei weitem beste Darlegung der Genesis des preußischen Staats". Mehring wies nach, daß - anders als vom zeitgenössischen Bürgertum behauptet - die Politik Friedrichs nicht die Praxis zur Theorie der Aufklärung war, sondern auf ganz anderen Grundlagen baute, die der König sorgfältig respektierte: Gutsherrschaft und Leibeigenschaft. "Minna von Barnhelm" sei eine Satire auf Friedrichs Regierungspraxis. Für Mehrings Interpretation spricht viel.

Die Bauernbefreiung 1807 zum Beispiel kommt nicht vom Alten Fritz, sondern vom Reichsfreiherrn vom Stein, der als Anleitung dazu nicht Kants Kategorischen Imperativ brauchte. Ihm genügten die Prügel, welche das preußische Heer bei Jena und Auerstedt bezogen hatte. Die waren nun allerdings Aufklärung, aber in der einzigen Sprache, welche die herrschende Klasse dieses Staates verstand. Mehring betrieb operative Geschichtsschreibung. Es kam ihm nicht allein auf Gelehrsamkeit an, sondern er verfolgte auch praktische Zwecke. Erstens wollte er die Leistungsfähigkeit der materialistischen Geschichtsauffassung demonstrieren, zu welcher er gerade konvertiert war. Zweitens kritisierte er den Zeitgeist.

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