Ausgabe März 2003

Genial im Universalen, präzise im Einzelnen

Walter Jens zum 80.

Ob der König und Musikant David oder die Gebrüder Grimm, ob Emil Nolde oder Andreas Gryphius, Martin Luther oder Carlo Schmid, Rosa Luxemburg oder Nelly Sachs, Brechts Gedichte oder Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“, ob der Praeceptor Germaniae Philipp Melanchthon oder – ironisch – Axel Caesar Springer, ob Hans Küng oder Paul Hindemith: Walter Jens vermag es auf so unverwechselbare und unbestechliche wie bestechende Weise, Menschen, ihre Zeit und ihre bleibende Bedeutung anderen zu vermitteln. Und er macht neugierig, ja süchtig, selbst nachzulesen, nachzusehen, nachzuhören, nachzudenken. Stoffe, die er anfasst, werden lebendig; Vergangenes hebt er auf und es funkelt oder bestürzt.

Er ist ein großer Anreger, ein erfrischender Initiator für eigenes Weiterdenken und natürlich ein mitreißender Redner, dieser „Republikanische Feldzügler“, dieser Fußballfan und Kenner von Antike und Christentum. Und alles, was er sagt und denkt oder in die Welt schleudert, ist von Lessing’schem Geist. Nie entfernt von unserer politischen und sozialen Wirklichkeit ist die Literatur, um die er sich bekümmert. Und was er anführt, hat Bedeutung, doch nicht als propagandistisches Werkzeug, sondern als Quelle vertiefter Erkenntnis und Veränderung. „Eingreifendes Denken“ nannte das Bert Brecht. Jens kann seinen Mund nicht halten.

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Aktuelle Ausgabe Oktober 2020

In der Oktober-Ausgabe zeigt der Anthropologe Wade Davis, wie die Corona-Pandemie die gesellschaftlichen Widersprüche der USA offenlegt und ihren Niedergang als Weltmacht beschleunigt. Der Historiker Bernd Greiner porträtiert den einstigen US-Chefstrategen Henry Kissinger und dessen skrupellosen Willen zur Macht. Der Schriftsteller Zafer Şenocak fordert, dass die deutsche Außenpolitik endlich Verantwortung für die kolonialen Verbrechen übernimmt. Die Schriftstellerin Dina Nayeri beschreibt, wie ihre Fluchterfahrung ihre Identität bis heute zutiefst prägt. Und »Blätter«-Mitherausgeber Rudolf Hickel plädiert für soziale Gerechtigkeit bei der Begleichung der gewaltigen Corona-Schulden.

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