Politisch unverdächtig lässt sich in Deutschland über nationale Identität sprechen, indem man ideologiekritisch die divergierenden Interessen hinter dem Anschein des Gemeinsamen entlarvt oder im Hinblick auf den Holocaust das Bewusstsein einer negativen Täter-Identität wachhält. Sich auf eine nicht negative Identität anders als ideologiekritisch besinnen zu wollen, zieht folglich einen Irrationalismusverdacht auf sich. Trotzdem mehren sich Bemühungen, einen mit der Wiedervereinigung zurückgewonnenen Spielraum des "Normalen" öffentlich auszuloten, zu dem auch eine zumindest nicht nur negative Identität gerechnet wird. So verbanden sich mit den Stichworten der "deutschen Leitkultur" oder des "Nationalstolzes" (wenig geglückte) Versuche, einer positiven nationalen Identität eine größere Rolle im politischen Bewusstsein zu verschaffen, wie dies schon mit der Suche nach "zustimmungsfähigen Inhalten" zur Zeit des Historikerstreites der Fall gewesen war. Außer auf positive Selbstverständnisse zielt der Normalitätsanspruch auch darauf, den Zweiten Weltkrieg stärker als zuvor aus der Perspektive selbst erlittenen Unrechts zu vergegenwärtigen.
In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.