Ausgabe November 2003

Teile und herrsche

Das "Modell Deutschland" ist in die Jahre gekommen. Der Arbeitsmarkt – einst Sinnbild einer gelungenen Verbindung von Sicherheit vermittelnder Stabilität und ökonomisch notwendiger Flexibilität – wird von allen Seiten als überreguliert und vermachtet kritisiert. Das Sozialsystem – einst der Ausdruck eines "historischen Kompromisses" und Garant einer stabilen, bürgerlichen Gesellschaft – wird als leistungsfeindlich, soziale Abhängigkeiten schaffend und schlicht nicht länger finanzierbar dargestellt. Die einstige Legitimation – der Nachweis einer funktionierenden Komplementarität von Effizienz und Gleichheit – wird heute vehement bestritten: Der bundesdeutsche Kapitalismus, besser als Marke "soziale Marktwirtschaft" bekannt, könne nicht dauerhaft überleben, wenn weiterhin auf seine egalisierenden und emanzipatorischen Bestandteile Anspruch erhoben wird. Und es hat fast schon Kontinuität in der besonderen Geschichte des deutschen Sozialstaates, wenn es nun ausgerechnet die Sozialdemokratie unter Bundeskanzler Gerhard Schröder ist, die unter dem "Es gibt keine Alternative"- Mantra dessen "Umbau" einleitet.

Die moderne Politikwissenschaft bezweifelt allerdings, ob es einer zweckrational handelnden Politik überhaupt gelingen kann, die vorgeblich notwendigen Reformschritte einzuleiten.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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