Ausgabe Oktober 2003

Staatszerfall und Privatisierung von Gewalt

Bürgerkriegsökonomien

Gespenstische Fernsehbilder von jugendlichen Rebellen und Kindersoldaten mit Ray-Ban-Sonnenbrillen und zerfetzten T-Shirts, die aufgeputscht von Drogen und dem Rausch der Macht an Straßensperren ihre automatischen Waffen zur Schau stellen, Berichte über Greueltaten an Zivilisten, Vertreibungen, Massenvergewaltigungen ... Die Nachrichten, die uns in den letzten Monaten aus Liberia und der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) erreichten, werfen ein grelles Schlaglicht auf mörderische Kriege, knapp unterhalb der Wahrnehmungsschwelle internationaler Medien, deren Schlagzeilen durch die bewaffnete Intervention der USA im Irak dominiert werden. Dabei markiert die kurze Kriegsphase des amerikanisch-britischen Feldzuges gegen die irakische Armee in diesem Frühjahr eine Randerscheinung im Kriegsgeschehen, das seit Jahren von innerstaatlichen Auseinandersetzungen und regionalen Konflikten dominiert wird: Im letzten Jahr waren nur zwei von 29 Kriegen weltweit rein zwischenstaatlicher Art.1 Obwohl innerstaatliche Kriege und Konflikte in schwachen oder zerfallenen Staaten der "Dritten Welt" die meisten Opfer fordern, finden sie außerhalb der Region oft nur dann Erwähnung, wenn sich die internationale Gemeinschaft nach Jahren des Zuschauens doch zu einer Intervention bequemt. Kurz darauf werden sie vergessen, sobald die Korrespondenten-Karawane weiterzieht.

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2020

In der Mai-Ausgabe analysiert der Historiker Adam Tooze das radikal Neue der Coronakrise, deren ökonomische Folgen uns noch auf Jahrzehnte beschäftigen werden. Die Politikwissenschaftler Kurt M. Campbell und Rush Doshi zeigen, wie sich China im Kampf gegen die Pandemie als neue globale Führungsmacht positioniert – vor allem gegen die USA. Der Historiker Yuval Noah Harari mahnt, dass wir Herausforderungen wie Covid-19 nur in globaler Kooperation bewältigen können. „Blätter“-Redakteur Albrecht von Lucke erörtert, wie sich die Demokratie gegen den Ausnahmezustand bewähren kann – und muss. Und Simone Schlindwein, Ellen Ehmke, Jessé Souza sowie Franziska Fluhr widmen sich den Folgen der Coronakrise für den globalen Süden.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Krieg und Frieden

Iran: Das geopolitische Erdbeben

von Franziska Fluhr

Noch im Januar beherrschte der USA-Iran-Konflikt die Überschriften der internationalen Berichterstattung. Nun aber ist der Konflikt durch die Corona-Pandemie nahezu vollständig von der Bildfläche verschwunden. Daraus zu schließen, die Auseinandersetzungen hätten sich beruhigt, wäre nicht nur naiv, sondern auch fatal. Denn das Gegenteil ist der Fall.