Ausgabe Mai 2005

Holocaust und Vertreibung

Das ambivalente Gedenken der Kriegskindergeneration

Der dem Rechtsradikalismus zuneigende Historiker Ernst Nolte beklagte vor gut 20 Jahren, dass die nationalsozialistische Vergangenheit nicht vergehen wolle. Daran war so viel richtig, als historische Vergangenheiten nur so weit präsent und lebendig sind, wie es Menschen gibt, die sich ihrer erinnern wollen. Dieser Wille zur Erinnerung – wie auch der Wille zur Verdrängung – wird in aller Regel umso stärker sein, je mehr Menschen (noch) leben, die das, was zu erinnern ist, selbst miterlebt haben. Zeitzeugen aller Art werden uns noch viele Jahre begleiten – auch wenn sie weniger werden. Täter werden ebenfalls noch längere Zeit in dieser Gesellschaft leben – die jüngsten Wehrmachtssoldaten, die den Nationalsozialismus verteidigten, und SS-Männer, die seine Verbrechen exekutierten, gehen in diesen Jahren auf ihren 80. Geburtstag zu. Umgekehrt sind die Schülerinnen und Schüler, die über Auschwitz Bescheid wissen sollen und können, um 1990, nach dem Fall der Berliner Mauer, geboren. Sie sind mit der Generation der Täter oft nur noch als Enkel oder Urenkel verwandt, in vielen Fällen – als Kinder aus Immigrantenfamilien – überhaupt nicht. 60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz rücken die dort und anderswo begangenen Verbrechen unwiderruflich in den Bereich des Historischen, des Gewesenen.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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