Ausgabe November 2005

Ukrainische Katerstimmung

„Es gibt keine politische Krise in der Ukraine!“ So zumindest lautete die offizielle Stellungnahme des amtierenden ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko zum Rücktritt seines Revolutionsgefährten Alexander Sintschenko, des Leiters der Präsidialverwaltung, am 7. September 2005. Nur einen Tag später entließ er die Regierung der Premierministerin Julia Timoschenko.

Was war passiert? Das politische Erdbeben, dessen langfristige Folgen noch nicht abzusehen sind, wurde durch eine Welle von Rücktritten und gegenseitigen Anschuldigungen ausgelöst. Diese gipfelten zunächst in dem offiziellen Abschiedsgesuch Sintschenkos. Nachdem dieser massive Korruptionsvorwürfe gegen seine Amtskollegen erhoben und der neuen politischen Elite – neben Premierministerin Timoschenko vor allem dem Leiter des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates Pjotr Poroschenko – vorgeworfen hatte, sie würden ihre Ämter systematisch zur persönlichen Bereicherung nutzen, sah sich der Präsident gezwungen, das machtpolitische Gleichgewicht wieder herzustellen und entließ, nachdem Poroschenko bereits seinen Rücktritt erklärt hatte, auch die Premierministerin und ihr Kabinett.

Diese radikale Lösung Juschtschenkos war vor allem eine Reaktion auf die ständigen Machtkämpfe zwischen Timoschenko und dem Präsidentenapparat sowie auf die interventionistische Wirtschaftspolitik der Regierung.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Euphorie und Ernüchterung: Bangladesch nach dem Aufstand

von Natalie Mayroth, Dil Afrose Jahan

Im September fanden an der Universität Dhaka, einer der wichtigsten Hochschulen Bangladeschs, Wahlen zur Studentenvereinigung statt. Manche sehen sie als Testlauf für die nationalen Wahlen. Daher ist es ein Warnsignal, dass dort ausgerechnet der Studentenflügel der islamistischen Jamaat-e-Islami gewann.