Ausgabe November 2006

Der Populismus des 21. Jahrhunderts

„Das Volk ist das natürlichste, breiteste und erdnächste und darum auch das einzig wirklich organische und die Schwankungen der Zeit überdauernde Fundament wirtschaftlichen und staatlichen Lebens.“ 1 Kein Politiker oder Journalist könnte es heute noch wagen, sich so emphatisch auf das Volk zu beziehen, ohne Verdächtigungen und unangenehme Fragen auf sich zu ziehen, wie der damalige SPD-Abgeordnet

„Das Volk ist das natürlichste, breiteste und erdnächste und darum auch das einzig wirklich organische und die Schwankungen der Zeit überdauernde Fundament wirtschaftlichen und staatlichen Lebens.“ 1 Kein Politiker oder Journalist könnte es heute noch wagen, sich so emphatisch auf das Volk zu beziehen, ohne Verdächtigungen und unangenehme Fragen auf sich zu ziehen, wie der damalige SPD-Abgeordnete, spätere KZ-Häftling und SPDVorsitzende nach 1945, Kurt Schumacher, in seiner 1928 gehaltenen Rede vor dem Württembergischen Landtag. Das Volk, ob erdnah oder nicht, ist politisch gründlich diskreditiert und als politische Kategorie obsolet. Wo von soziokulturellen Milieus und Individualisierung die Rede ist, scheint das „Volk“ nicht nur der Vergangenheit anzugehören, sondern ist negativ besetzt. Die Zuschreibung „Populist“ gilt heute als Verbalinjurie; Populisten sind gewissermaßen die Schmuddelkinder unter den Politikern.

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