Ausgabe Oktober 2006

Die Zukunft der Veröstlichung

Verwestlichung scheint die alternativlose Tendenz der politischen Kultur der Bundesrepublik zu sein. Der lange Weg nach Westen gilt als Telos, die vorbehaltlose Westbindung als ihre politisch-kulturelle Leistung. Am 3. Oktober 1990 konnte Bundespräsident Richard von Weizsäcker feststellen: „Der Tag ist gekommen, an dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien findet.“ Dagegen richtet sich kaum noch maßgeblicher öffentlicher Widerspruch; die bis in die 80er Jahre populäre Vorstellung, Deutschland könnte „Brücke“ sein zwischen Ost und West und sich in den Kulturkonflikten der Gegenwart neutral verhalten, teilen nur noch wenige.

16 Jahre und damit bald eine Generation nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wird die deutsche Einheit jedoch mit einer sehr steilen Alternative assoziiert: Scheitern oder Vollendung. Derzeit besteht die Neigung, sie mit einer wachsenden sozialen Kluft zwischen Ost und West gleichzusetzen – vom „Glücksfall Deutsche Einheit“ zum „Supergau“. Viele Ostdeutsche empfinden sich als Bürger zweiter Klasse, ebenso wie Gleichgesinnte im Westen, die sich ausgebeutet fühlen. Generell wird der Einigungsprozess mit seiner Dauer negativer bewertet.

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Aktuelle Ausgabe Oktober 2020

In der Oktober-Ausgabe zeigt der Anthropologe Wade Davis, wie die Corona-Pandemie die gesellschaftlichen Widersprüche der USA offenlegt und ihren Niedergang als Weltmacht beschleunigt. Der Historiker Bernd Greiner porträtiert den einstigen US-Chefstrategen Henry Kissinger und dessen skrupellosen Willen zur Macht. Der Schriftsteller Zafer Şenocak fordert, dass die deutsche Außenpolitik endlich Verantwortung für die kolonialen Verbrechen übernimmt. Die Schriftstellerin Dina Nayeri beschreibt, wie ihre Fluchterfahrung ihre Identität bis heute zutiefst prägt. Und »Blätter«-Mitherausgeber Rudolf Hickel plädiert für soziale Gerechtigkeit bei der Begleichung der gewaltigen Corona-Schulden.

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