Ausgabe Mai 2007

Kulturmaterialismus

Wenn man für ein Lebenswerk ausgezeichnet wird, könnte man auf den Gedanken kommen, man habe seine Arbeit getan. Aber auch während ich die Schwelle zum Alter überschreite, empfinde ich das nicht so. Bestenfalls ist es mir gelungen, die beiden sozialen Fragen, die mich die letzten 40 Jahre hindurch beschäftigt haben, ein wenig ins Licht rücken – nämlich wo Menschen leben und wie Menschen arbeiten. Diese Themen sind nicht statisch, denn Arbeit wie Ort und Raum verändern sich in globalem Maßstab. Jetzt, an der Schwelle zum Alter, versuche ich zu verstehen, wie die beiden miteinander zusammenhängen.

Das große Thema, das mich mein ganzes Leben hindurch beschäftigt hat, ist die Frage, wie Männer und Frauen zu besseren, kompetenteren Materialisten werden könnten. Meine Leserinnen und Leser mag diese Erklärung überraschen. Obwohl ich mich lange für Technik interessierte, habe ich keine Ingenieurausbildung, und ich bin auch kein Sozialwissenschaftler, dem die Sammlung und Analyse statistischer Daten genügt. Die Art Soziologie, die ich praktiziere, kommt von Dilthey her und stützt sich auf die Methoden der modernen Anthropologie. Sie konzentriert sich darauf, welchen Sinn die Menschen in ihren Lebensumständen sehen.

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe November 2020

In der November-Ausgabe analysieren die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, wie eine Politik der Feindschaft zunehmend die US-amerikanische Demokratie zersetzt. Der Journalist George Packer sieht – mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahl am 3. November – eine letzte Chance, Amerika neu zu erschaffen. Der Ökonom James K. Galbraith plädiert in Zeiten der Krise für eine Rückbesinnung auf den Rooseveltschen New Deal. „Blätter“-Redakteur Daniel Leisegang warnt vor einem digitalen Kalten Krieg zwischen den USA und China. Und die Politikwissenschaftlerin Melanie Müller beleuchtet den doppelten Kampf Südafrikas gegen Corona und Korruption.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Kultur

Der Kampf der Weltanschauungen

von Micha Brumlik

Die Konfrontation der Weltmächte USA und China ist auch eine Konfrontation zweier Philosophien: Ein westlicher, die Menschenrechte ins Zentrum stellender Universalismus wird dabei von einem Universalismus der friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Systeme herausgefordert.