Ausgabe Dezember 2008

Juden im Iran: Heimat in der Diaspora?

Der Staat Israel gilt als die nationale Heimstätte des jüdischen Volkes. Das zionistische Selbstverständnis, exklusiv das Weltjudentum zu vertreten, wird jedoch nicht nur durch die große Zahl der in den Vereinigten Staaten lebenden Juden fundamental in Frage gestellt. Vielleicht noch nachhaltiger erschüttert die Existenz einer großen jüdischen Gemeinde im Iran die Annahme, dass Israel der einzige Ort auf Erden sei, an dem Juden einem Schicksal entgehen können, dass jenem ähnelt, das ihnen im letzten Jahrhundert in Europa widerfahren ist.

Denn wie auch die amerikanischen Juden, die zum überwiegenden Teil die USA nicht als Galut, als unfreiwilliges Exil, empfinden, sehen auch iranische Juden den Iran als ihre Heimat an. Insbesondere vor dem Hintergrund der Aussagen des Präsidenten der Islamischen Republik, Mahmud Ahmadinedschad, mag dies verwundern. Dieser hat mit israelfeindlichen und antisemitischen Äußerungen wiederholt internationale Proteste ausgelöst. Umso mehr stellt sich die Frage, was die iranischen Juden heute davon abhält, in großer Zahl nach Israel auszuwandern.

Zwischen Verfolgung und Koexistenz

Der Iran beherbergt heute mit 25000 Mitgliedern die nach Israel größte jüdische Gemeinde im Mittleren Osten. Insgesamt ist die hohe Identifikation der jüdischen Minderheit mit der iranischen Kultur augenfällig.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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