Ausgabe März 2008

Lob der Uneindeutigkeit

Zeitzeugenschaft und Deutungskonflikte nach dem Ende der DDR

Als ich im April 1987 mit Lutz Niethammer und Alexander von Plato in die DDR ging, um dort lebensgeschichtliche Interviews mit der Aufbaugeneration des sozialistischen Staates durchzuführen, kamen wir in ein Land, dessen Kultur uns einerseits unheimlich vertraut, andererseits aber auch verwirrend unverständlich war. Schnell wurde uns klar, wie wenig wir über die Voraussetzungen der Erzählungen wussten, denen wir zuhörten.

Zu diesen Voraussetzungen gehörte, dass in der DDR eine bestimmte Form der Zeitzeugenschaft durchgesetzt worden war, die sicherstellen sollte, dass der öffentlich bestellte Zeitzeuge auch wirklich parteilich sprach, dass seine Erzählung also nicht in Widerspruch geriet zu offiziellen Darstellungen der Geschichte, und dass er sich darauf beschränkte, diese Darstellung durch persönliche Details beeindruckend, glaubwürdig und authentisch zu gestalten. Diejenigen unter unseren Interviewpartnern, die durch ihre berufliche Stellung und die damit verknüpfte SED-Mitgliedschaft lang andauernd politisch diszipliniert worden waren, hielten sich auch zunächst strikt an diese Regeln, indem sie von ihrer proletarischen Herkunft, den Schrecken des Krieges, ihrer Bekehrung zum Sozialismus und ihrem beruflichen Aufstieg, den sie der Partei zu verdanken hatten, sprachen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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