Ausgabe März 2008

My Lai oder Die Stunde des Außenseiters

Warum Historiker in der Schuld von Seymour M. Hersh stehen

Was sich vor 40 Jahren, am 16. März 1968, im südvietnamesischen My Lai abspielte, ist weitgehend bekannt. Gegen 7.30 Uhr wurden die „Charlie“- und die „Bravo“-Kompanie der US-Sondereinheit Task Force Barker in der Nähe dreier Dörfer von Transporthubschraubern abgesetzt. Ihr Auftrag: die küstennahe Region der Provinz Quang Ngai „zu durchkämmen“, ein Kampfbataillon des Vietcong, das 48. VC Local Force Battalion, aufzuspüren und politische Funktionäre der Nationalen Befreiungsbewegung dingfest zu machen. Die C Company rückte in Xom Lang und Binh Tay ein, ein Platoon der B Company umstellte My Hoi – Siedlungen, die auf amerikanischen Militärkarten als „My Lai“ und „My Khe“ verzeichnet waren. Die Bilanz nach zweieinhalb Stunden: zwischen 490 und 520 Ermordete, einige waren erst wenige Wochen alt, manche im Greisenalter, die meisten waren Bauern mittleren Alters. Amerikanische Verluste: keine. Erbeutete Waffen: angeblich vier. Kein einziger Schuss war auf die GIs abgegeben worden; sie wussten, dass es sich bei den Opfern um Zivilisten handelte; sie hatten ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden und sich von der ersten Minute an wie Schlächter aufgeführt.

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Aktuelle Ausgabe Oktober 2020

In der Oktober-Ausgabe zeigt der Anthropologe Wade Davis, wie die Corona-Pandemie die gesellschaftlichen Widersprüche der USA offenlegt und ihren Niedergang als Weltmacht beschleunigt. Der Historiker Bernd Greiner porträtiert den einstigen US-Chefstrategen Henry Kissinger und dessen skrupellosen Willen zur Macht. Der Schriftsteller Zafer Şenocak fordert, dass die deutsche Außenpolitik endlich Verantwortung für die kolonialen Verbrechen übernimmt. Die Schriftstellerin Dina Nayeri beschreibt, wie ihre Fluchterfahrung ihre Identität bis heute zutiefst prägt. Und »Blätter«-Mitherausgeber Rudolf Hickel plädiert für soziale Gerechtigkeit bei der Begleichung der gewaltigen Corona-Schulden.

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