Ausgabe Dezember 2010

Eine andere Geschichte der Welt

Die kurze Angabe am Ende dieses äußerst produktiven und unkonventionellen Buches stiftet den biographischen Zusammenhang: Der Autor Tamim Ansary wurde 1948 in Kabul geboren und wuchs in Afghanistan auf, aber seine Mutter war Amerikanerin finnisch-jüdischer Herkunft. Wie stark der Autor – bekannt geworden durch „West of Kabul, East of New York“ (2003) – jedoch von seinen afghanischen Wurzeln zehrt, zeigt sich am Ende seiner „Globalgeschichte aus islamischer Sicht“. Ansary geht anlässlich der Parlamentswahl nach Afghanistan, aber nicht in die Hauptstadt Kabul, sondern ins Dorf Paghman. Dort trifft er einen Einwohner mit Turban und Bart, den er sich beim besten Willen nicht in einer Wahlkabine vorstellen kann, und beschreibt, wie dieser Mann die Wahl erlebte: „Wissen Sie, da sind ein paar Städter mit Zetteln gekommen und haben uns erklärt, wie wir Zeichen auf diese Zettel machen sollen. Wir haben ihnen zugehört, denn sie sind von weit her gekommen und wir wollten nicht unhöflich sein. Aber wir haben diese Stadtleute nicht gebraucht, um zu wissen, wer unser Mann ist.“ Es ist Agha-i-Sayyaf. Er ist Teil der Familie, die seit den Tagen von Dost Mohammed hier lebt und für sie alle sorgt. „Jedes Jahr zum Ende des Ramadan schenkt er den Kindern Süßigkeiten und fragt nach unseren Problemen.

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Aktuelle Ausgabe Januar 2020

In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

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