Ausgabe Oktober 2010

100 Jahre Kibbuzbewegung: Eine gescheiterte Utopie?

Der Kibbuz kann wohl unbestritten als eines der bedeutendsten und langlebigsten Experimente zur Verwirklichung einer kommunitären Lebensform und mithin einer Sozialutopie gelten.[1] Vor genau einem Jahrhundert, im Jahre 1910, wurde der erste Kibbuz gegründet; heute bestehen in Israel, zumindest dem Namen nach, noch 256 Kibbuzim; der Anteil ihrer Bewohner an der Gesamtbevölkerung ist von 7 Prozent im Jahr 1947 auf inzwischen 1,5 Prozent gesunken.[2]

Seit ihrer Entstehung wurden die Kibbuzim mit kritischem Interesse verfolgt: Mit ihrer Orientierung an einer Vollkommune und der Basisdemokratie, der Unterordnung individueller Interessen und Bedürfnisse unter die Belange der Gemeinschaft, der Aufhebung der Hierarchie innerhalb einer Gemeinschaft sowie der allumfassenden Gleichberechtigung der Frau ließen sie ihre Bemühungen zur Verwirklichung von Sozialutopien erkennen. Sie führten letztere in der frühsozialistischen Tradition fort und wandten sich gegen die von Friedrich Engels diagnostizierte „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“. Sie wollten keinen neuen fiktionalen Entwurf einer politischen Utopie kreieren, sondern im Marxschen Sinne eine Philosophie der Tat, die drei wesentliche Ziele implizierte: die Schaffung eines neuen Menschen, den Aufbau einer neuen Gesellschaft und die Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens.

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In der Januar-Ausgabe warnt der Journalist Alexander Hurst vor einem drohenden Bürgerkrieg in den USA, sollte Donald Trump eine Abwahl in einem Jahr nicht akzeptieren. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die Hindu-Nationalisten die innere Vielfalt Indiens bekämpfen und selbst vor kriegerischen Mitteln nicht halt machen. »Blätter«-Redakteurin Julia Schweers beleuchtet den Generationenkonflikt, der in Afrika zu einer dritten kontinentalen Protestwelle führen könnte. Der Soziologe Mathias Greffrath fordert die Abkehr vom Mantra des ständigen Wachstums, um dem »Zeitalter der Verwüstung« ein Ende zu setzen. Und »Blätter«-Mitherausgeber Micha Brumlik analysiert die antisemitische Kontinuität von der DDR bis ins heutige Ostdeutschland.

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