Ausgabe April 2011

Eine reanimierte Sozialdemokratie

Nun ist es endlich erschienen, das neueste und gleichzeitig letzte Buch Tony Judts, der am 6. August 2010 verstorben ist. Bereits die Entstehung dieses Buches ist anrührend, fiel sie doch in eine Zeit, da der Autor bereits an einer unheilbaren Nervenkrankheit litt, die immer mehr Körperteile lähmte. Bewegungsunfähig, auf ein Beatmungsgerät angewiesen, diktierte er das Manuskript. Ausgangspunkt war seine letzte große Vorlesung,[1] herausgekommen ist ein Buch der moralischen Unruhe und der Empörung, das bereits im Zeitpunkt seiner Genese den Trend der Zeit vorwegnahm.

Nach 20 vergeudeten Jahren schwebte dem bekennenden Sozialdemokraten, der ein inspirierender Hochschullehrer war, eine Orientierungshilfe vor allem für junge Leute vor, die keine andere Welt kennen und „Einwände gegen unsere Lebensweise artikulieren wollen. Als Bürger einer freien Gesellschaft haben wir die Pflicht, die Welt mit kritischen Augen zu betrachten. Und wenn wir sehen, dass etwas nicht in Ordnung ist, müssen wir handeln.“ In diesen Zeilen wird seine Position als die eines Westeuropäers kenntlich, der in den USA arbeitete und sich mit den Spielarten der Demokratie diesseits und jenseits des Atlantiks identifizierte und diese verbessern wollte. Für ihn gewann der Westen den Kalten Krieg – und verlor den Frieden.

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In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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