Ausgabe Juli 2011

Spaß und Spannung mit Adolf und Josef

Bild: Spiegel

„Gesucht wird ein deutscher Vorname, der etwas aus der Mode gekommen ist“, heißt es fast flehentlich in einem Kreuzworträtsel der Berliner NPD, das derzeit in rechtsgestrickten Kreisen für Furore sorgt. Wie omnipräsent der unschwer zu erratende Name „Adolf“ im deutschen Kollektivgedächtnis tatsächlich ist, zeigt dagegen einmal mehr der Blick in den „Spiegel“. Dort wird der Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion, der vor 70 Jahren begann, zu einem sportiven Duell zwischen Josef und Adolf. Stalin und Hitler – zwei schlimme Finger auf dem Weg in die Schlacht, so erzählt uns die „Bild am Montag“ heute die Geschichte als sei es ein Stück aus Hollywood.

Und natürlich beginnt alles mit einer Adolf-Home-Story: Wie Hitler am Vorabend des Überfalls ziemlich nervös war und Musik von Liszt hörte, und dass er mächtig übermüdet war, der arme Führer. Was dann folgt, ist von wenig Kenntnis getrübt, aber vom festen Willen geprägt, den Krieg der Deutschen gegen die Sowjetunion als eine ziemlich private Angelegenheit zwischen zwei Diktatoren zu schildern.

„Allein über elf Millionen Soldaten brachten sich mit Panzern und Stalinorgeln um“, legt uns der „Spiegel“-Autor nahe, als seien auf beiden Seiten Selbstmordattentäter unterwegs gewesen und als gäbe es für den Angriff auf die Sowjetunion nicht einen klaren Schuldigen: Deutschland. Nicht nur, weil die Wehrmacht den Krieg begann. Auch, weil der vorgeblich zivilisierte Deutsche gern auf den östlichen Barbaren runterblickte, weil das Nazi-Wort vom Untermenschen, der in den slawischen Gebieten lebe, auf einen vom Rassismus gut gedüngten Boden fiel und weil der Vernichtungsfeldzug gegen das „unwerte“ slawische Leben schon mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 begann und im September desselben Jahres in Polen fortgesetzt wurde.

Aber was scheren den Autor Fakten, geht es doch um Auflage und Geschichtsklitterung. Deshalb ist bloß von „monströsen Massenmördern“ die Rede (welch ausgesucht hübsche Alliteration!), die „1939 über Osteuropa herfielen.“ Kein Wort von den vorangegangenen Verhandlungen der Sowjets mit England und Frankreich, um eine Achse gegen Hitler zu erreichen. Und über die Garantiemächte des Münchner Abkommens, Großbritannien und Frankreich, die der Liquidierung der Tschechoslowakei tatenlos zusahen, keine halbe Zeile. Stattdessen: „Österreicher (Hitler) gegen Georgier (Stalin)“. Das Spiel endete dann 1945 mit dem Ergebnis 0:1.

Aber zwischendurch ein spannendes Rennen: „Zunächst“, schreibt der „Spiegel“-Sportreporter, „hatte der sowjetische Diktator in dieser grausamsten aller Disziplinen die Nase vorn.“ Dabei hatte der Krieg lange zuvor begonnen, in Wahrheit noch vor der Machtergreifung der Nazis, als Hitler im Januar 1932 im Industrie-Club Düsseldorf der deutschen Wirtschaft seine Ziele vorlegte und „ungehemmter Dauerbeifall“ aufbrandete, wie ein Augenzeuge berichtete. Denn die Industriellen wollten weg vom Versailler Abkommen, sie wollten die Lothringer Stahlindustrie wieder zurück, sie waren am ukrainischen Weizen ebenso interessiert wie am Erdöl aus Baku.

In einer Denkschrift des Wehrwirtschaftsstabes von 1939 wurden die Forderungen an die Wehrmacht minutiös aufgelistet: „1. Beherrschung der rumänischen Ölfelder und somit des gesamten Donauraums. 2. Durchführung der Besetzung unter Vorbedacht der Erhaltung und Betriebsfähigkeit der rumänischen Erdölindustrie.“ Auch die Vierjahresplangruppe unter der Leitung der IG Farben (BASF, Hoechst, Bayer) war nicht zimperlich: 20 Staaten – von Finnland bis zur Türkei, von Bulgarien bis Portugal –, forderte sie, sollten binnen weniger Jahre unter deutscher Führung ihre wirtschaftlichen Kräfte in einer Großraumwehrwirtschaft vereinen.

Der, wie der „Spiegel“ flott und platt formuliert, angeblich „beratungsresistente Hitler“ gab sich im Zweiten Weltkrieg alle Mühe, den Wunschzettel der deutschen Wirtschaft abzuarbeiten. Davon jedoch im „Spiegel“ kein Wort. Nicht einmal die Millionen Arbeitssklaven, nicht wenige aus der Sowjetunion, mit denen die deutsche Industrie ihre Rüstungsprofite maximierte, finden im Artikel Erwähnung. Wen wundert’s: Dem Leser könnte auffallen, dass es sich damals doch nicht um eine rein sportliche Veranstaltung gehandelt hat. Das aber wäre gar nicht schön; schließlich wollen wir uns unsere gute Laune mit Adolf und Josef ja nicht verderben, im Gegenteil: Längst ist Deutschland wieder bewaffnet unterwegs – und das auch im immer weniger kaschierten wirtschaftlichen Interesse.

Sicher, vor einem Jahr noch sah sich ein eingeschnappter Bundespräsident und vormaliger IWF-Chef veranlasst, die Brocken hinzuschmeißen. Schließlich hatte die dreiste Öffentlichkeit es gewagt, ihm zu widersprechen, obwohl er doch bloß die in seinen Kreisen ohnehin bekannte Wahrheit gesagt hatte, „dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege.“ Damals sprang dem armen ersten Mann im Staate bloß der fesche Verteidigungsminister zur Seite.

Der Fortgang der Story ist bekannt: Inzwischen ist nicht nur Köhler, sondern auch Guttenberg Geschichte; und dass das Spiel von Eisern Union Merkel gegen den 1. FC Taliban schlecht ausgehen wird, ist auch gewiss. Dennoch geht es erst einmal in die Verlängerung. Ob die NATO-Liga den Ersatzspieler Westerwelle in der zweiten Halbzeit auf den libyschen Platz lässt, um doch noch Punkte im Kampf um den Öl-Pokal zu erringen, ist derzeit zwar auch noch nicht raus. Aber dass der zynische Ton des „Spiegel“ schon heute die Begleitmusik für die kommenden Kriege abgibt, das jedenfalls ist sicher.

 

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