Ausgabe Dezember 2012

»Begehre mich!«

Die existenzielle Bedeutung der Liebe in der Moderne

Vielen Philosophen galt die Liebe als eine Form von Wahnsinn.[1] Doch handelt es sich dabei um eine höchst eigentümliche Form von Wahnsinn, die ihre Macht daraus bezieht, das Ich zu erhöhen und mit einem gesteigerten Gefühl seiner eigenen Macht auszustatten. Die romantische Liebe wertet das Selbstbild durch die Vermittlung des Blicks eines anderen auf. Um einen der Klassiker zu diesem Thema zu zitieren, Goethes „Leiden des jungen Werther“: „Mich liebt! – Und wie wert ich mir selbst werde, wie ich – dir darf ich’s wohl sagen, du hast Sinn für so etwas – wie ich mich selbst anbete, seitdem sie mich liebt!“[2]

Wenn man liebt, wird der andere zum Gegenstand unkritischer Beachtung, wie David Hume mit trefflicher Ironie feststellt: „Jemand, der in sinnlicher Begierde entbrannt ist, fühlt wenigstens eine vorübergehende freundschaftliche Gesinnung für den Gegenstand derselben und hält ihn gleichzeitig für schöner als sonst.“[3] Und Simon Blackburn merkt an: „Liebende sind nicht wirklich blind: Sie sehen durchaus die Cellulitis, die Warzen und das Schielen des anderen, das Merkwürdige ist nur, dass sie sich nicht nur nicht daran stören, sondern es vielleicht sogar bezaubernd finden.“[4] Solche Versöhnlichkeit wohnt der Liebe inne und führt dazu, dass das Liebesobjekt sich selbst (zeitweilig) deutlich mehr schätzt.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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