Ausgabe Januar 2014

Die negierte Schuld

Wie Theodor Eschenburg die NS-Beamtenschaft rechtfertigt

In der Politikwissenschaft wird seit geraumer Zeit erbittert über Theodor Eschenburg gestritten, einen der Gründerväter der Zunft nach 1945.[1] Als Rektor der Universität Tübingen verschaffte Eschenburg dem jüdischen Philosophen – und Marxisten – Ernst Bloch nach dessen Verlassen der DDR eine Gastprofessur. Eschenburg hatte den Ruf eines liberalen, publizistisch einflussreichen Wissenschaftlers, der sich an der Ordnung des Grundgesetzes orientiert. Doch in den 30er Jahren war er selbst an der Arisierung eines jüdischen Unternehmens und damit an der Durchsetzung der NS-Herrschaft beteiligt. Das wurde durch Forschungen von Rainer Eisfeld bekannt, ebenso wie der Fakt, dass Eschenburg in jener Zeit auch eine Weile Mitglied der Motor-SS war. Durch die Erkenntnisse Eisfelds,[2] der sich bereits vor über 20 Jahren fragwürdigen Kontinuitäten der deutschen Politikwissenschaft gewidmet hat, erscheinen auch Theodor Eschenburgs Beiträge in der Wochenzeitung „Die Zeit“ in einem neuen Licht, insbesondere jene zur Rolle der Beamtenschaft im NS-System. Im Umgang mit dieser kommt indirekt auch Eschenburgs Umgang mit seiner eigenen Biographie und mit der Durchsetzung der NS-Herrschaft in einem Teilbereich des Hitler-Regimes zum Ausdruck.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.