Mittlerweile ist klar, dass die Bürgerkriege in Syrien und im Irak zusammengehören. Beide Auseinandersetzungen sind komplex, doch während sie in den letzten Jahren immer erbitterter geführt wurden, nahmen sie zugleich immer sektiererische Züge an: Rebellierende sunnitische Kräfte, die im Clinch mit schiitischen und alawitischen Regierungen liegen, haben sich in Bagdad und Damaskus verschanzt. Und da in beiden Fällen keine Kompromisslösung erreichbar scheint, haben Radikale und Extremisten die Oberhand gewonnen – mit einem Netzwerk sunnitischer Islamisten, die entweder mit Al Qaida verbündet oder Ableger von Al Qaida sind, letztere womöglich sogar noch radikaler als Al Qaida selbst. Tatsächlich ist die führende Gruppe im Irak militanter als die von Pakistan und Afghanistan aus operierende Organisation. Ihre Anfänge liegen ebenfalls dort, wo sie zuerst als Al Qaida im Irak (AQI) firmierte; heute tritt sie als Islamischer Staat von Irak und Syrien (ISIS) auf.[1] Al Qaida selbst kritisierte ISIS, weil diese sich weigert, reibungslos mit anderen Teilen der sunnitisch geführten Opposition zu kooperieren, die Präsident Baschar al-Assads Regierung in Syrien bekämpft.
In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.