Ausgabe September 2015

Die inneren Werte

Einen solchen Paukenschlag hat man von Amnesty International schon lange nicht mehr vernommen: Sexarbeit müsse endlich weltweit entkriminalisiert werden, fordert die Menschenrechtsorganisation. Prompt empörten sich erwartungsgemäß „Emmas“ Alice Schwarzer sowie die „Koalition gegen Frauenhandel“, der internationale Filmstars wie Meryl Streep und Kate Winslet angehören. Sie befürchten, dass davon vor allem Frauenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber profitieren. Hurenorganisationen, Human Rights Watch und der Deutsche Frauenrat begrüßten die Resolution hingegen: Sie hoffen auf einen besseren Schutz von Prostituierten.

Die Fronten sind somit wieder einmal klar. Allerdings übersehen beide Seiten, dass die Entwicklung bereits an ihnen vorbeigaloppiert ist: Die digitale Gründerszene mit Wurzeln im Silicon Valley – Vermarkter von allem, was bei drei nicht auf den Bäumen ist – greift nach Taxis und Hotels nun auch das letzte verbliebene Fleckchen des urbanen Lebens an: die Bordelle.

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Aktuelle Ausgabe April 2020

In der April-Ausgabe analysiert der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel, wie die Corona-Krise die große Erzählung vom Segen der Globalisierung endgültig entzaubert. Der Ökonom Thomas Piketty widmet sich der Ideologie der Ungleichheit und zeigt: Das Aufstiegsversprechen westlicher Gesellschaften ist nicht länger tragfähig. Der Historiker Yoni Appelbaum erkennt im demographischen Wandel in den USA einen zentralen Treiber für den wachsenden Hass in der amerikanischen Gesellschaft. Der Migrationsforscher Mark Terkessidis geht den kolonialen Wurzeln des Rassismus auf den Grund. Und die Juristin und »Blätter«-Mitherausgeberin Rosemarie Will würdigt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidassistenz.

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