Ausgabe Oktober 2018

Die Ausbeutung der Vergangenheit

Bild: Suhrkamp Verlag

Köstlicher Wein und Käse, ein Sinn für Mode und gute Kunst – diese Klischees werden mit Frankreich verbunden. Im Sommer lautet auch für viele Deutsche die Losung: Weg von der Schwere und Ernsthaftigkeit des Arbeitsalltags und schnell über den Rhein, wo man die joie de vivre noch nicht verloren hat. Fort von den Härten des Kapitalismus, die die „Wirtschaftsmacht“ Deutschland fest im Griff haben, hin zu einer Kultur, die nicht so recht zum Profitmachen passen mag.

Dass diese Erzählung konstruiert ist und auch in Frankreich der Kapitalismus regiert, wird kaum jemanden verwundern. Dass aber ein solch klischeebehaftetes Narrativ von einem Land mit vermeintlich authentischem Bezug zu seiner Tradition, seinen Regionen und seinen lokalen Erzeugnissen Teil einer grundlegenden Transformation westlicher Gesellschaften hin zu einer Bereicherungsökonomiesein soll, überrascht dann doch. Genau das aber behaupten die Soziologen Luc Boltanski und Arnaud Esquerre in ihrem neuen Buch „Bereicherung. Eine Kritik der Ware“. Esquerre und Boltanski – letzterer wurde international vor allem durch sein gemeinsam mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Ève Chiapello verfasstes Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“ bekannt – vertreten die These, dass sich in den Ländern Westeuropas infolge der Deindustrialisierung eine neuartige Ökonomie herausgebildet hat.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2020

In der Februar-Ausgabe warnen die ehemaligen US-Politiker Ernest J. Moniz und Sam Nunn vor einem erneuten Wettrüsten zwischen Russland und den USA. Hans-Gerd Marian und Michael Müller von den NaturFreunden Deutschlands legen die braunen Linien der deutschen Umweltbewegung offen. Der Vorsitzende der SWP, Volker Perthes, fragt nach den Auswirkungen der jüngsten Spannungen zwischen den USA und Iran – auch und gerade für Europa. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zeigt, wie die regierenden Hindu-Nationalisten Millionen Menschen zu Staatenlosen machen und so ein neues Kastensystem schaffen könnten. Und der Stadtforscher Paul Chatterton skizziert die Zukunft der klimaneutralen, nachhaltig produzierenden Stadt.

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