Ausgabe Januar 2020

Sardinen gegen Salvini: Protest auf Italienisch

Frau und Mann demonstrieren mit Sardinen

Bild: imago images / Independent Photo Agency Int.

Mit diesem Sardinenschwarm, der von Tag zu Tag größer wird und sich von Nord nach Süd über ganz Italien erstreckt, hatte niemand gerechnet. Und schon gar nicht die Politiker. Seit Jahren gab es kein Aufbäumen mehr in der Zivilgesellschaft, als sei diese in Schockstarre verfallen. Besonders die jüngeren Generationen waren bei den wenigen Demonstrationen immer spärlicher zur Stelle, das Durchschnittsalter der Protestierenden lag bei gefühlten 50 Jahren. Jetzt aber scheint sich etwas zu regen – und zwar gerade unter den 20- bis 30jährigen. Vielleicht war es der Zuspruch, den Greta Thunberg mit ihrer Fridays-for-Future-Bewegung erfahren hat, der den jungen Italienern den nötigen Ansporn gegeben hat. Jedenfalls sind es vor allem diese Altersgruppen, die seit einigen Wochen zu Tausenden auf die Plätze strömen und für Aufsehen sorgen. Die Teilnehmer dieser Flash-Mobs nennen sich Sardinen, sie schwärmen und schichten sich zusammen, wo immer sich Matteo Salvini, der Chef der rechtsnationalen Lega, blicken lässt.

Der erste Flash-Mob bildete sich am 14. November 2019 auf der Piazza Maggiore, dem pulsierenden Herz der mittelalterlichen Altstadt von Bologna. Losgetreten wurde er über Facebook von vier Freunden: Mattia Santori, Roberto Morotti, Giulia Trappoloni und Andrea Garaffa, alle um die 30 Jahre alt, alle in Bologna lebend, wo sie während ihrer Studienzeit zusammen in einer WG gewohnt hatten. Es war Salvinis Kampagne zu den anstehenden Regionalwahlen am 26. Januar, die sie zu dieser ersten Aktion bewegt hatte. Sie wollten nicht tatenlos zusehen, wie sich auch die Bürger ihrer Stadt und ihrer Region, der nördlich gelegenen Emilia Romagna, von seinen hetzerischen Parolen bezirzen lassen.

Salvini will diese traditionell linke Region, im Bündnis mit den Postfaschisten von Fratelli d’Italia und Silvio Berlusconis Forza Italia, unbedingt erobern. Es wäre sein zweiter Sieg in Folge, seit er im Sommer die Regierungskoalition mit den Fünf Sternen gekündigt hatte: Den ersten erlangte er Ende Oktober in der ebenfalls klassisch roten Region Umbrien. Mehr noch: Ein Erfolg in der Emilia Romagna wäre der Sieg der Siege, denn diese Region galt schon immer als die Hochburg der „Roten“ schlechthin. Seit 1945 wird sie links regiert, zuerst von den Kommunisten und jetzt von den Sozialdemokraten. Sollte Salvini dort mit seinem Bündnis wirklich gewinnen, könnte dies sogar das Aus für die erst seit drei Monaten bestehende Regierungskoalition in Rom zwischen der Fünf-Sterne-Bewegung und der Demokratischen Partei (PD) bedeuten.

So sehr die vier Protestinitiatoren dieses Szenario fürchten, geht es ihnen im Prinzip um etwas anderes: Sie kritisieren das politische Klima im Land, eine Debattenkultur, die nur mehr darauf aus sei, die Menschen aufzuhetzen und an das Bauchgefühl zu appellieren, anstatt konkrete Inhalte zu debattieren, um das Land vorwärtszubringen. Die Freunde hatten es also in erster Linie auf diese Hetzrhetorik abgesehen und kamen so auf die Idee, sich Sardinen zu nennen: friedfertige Fische, die, anders als der Hai, keine Gefahr für andere Meeresbewohner darstellen. Auf ihrer Facebook-Seite „6000 Sardine“ riefen sie ihre Mitbürger unter dem Motto „Bologna beißt nicht an“ zu einem Flash-Mob am 14. November. Für diesen Tag hatte Salvini die Sporthalle vom PalaDozza gemietet, um dort seine Wahlkampfkundgebung abzuhalten. Die Halle fasst 5570 Menschen, eine Zahl, die die vier Freunde übertrumpfen wollten, weswegen sie auf mindestens 6000 Sardinen-Demonstranten hofften. In ihrem Posting baten sie die Teilnehmer, keine Parteiflaggen oder Parteisymbole zu tragen, und wiesen sie an, dass beleidigende Sprechchöre strikt untersagt seien.

Was sich dann an jenem Abend in Bologna ereignete, übertraf jedoch bei weitem ihre kühnsten Hoffnungen: Nicht 6000 sondern 12 000 Menschen folgten ihrem Aufruf, Menschen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Viele schwenkten bunte Papp-Sardinen, andere Transparente, auf denen zu lesen war: „Bologna non si Lega“. Ein Wortspiel, das einerseits „Wir binden uns nicht“ bedeutet und andererseits eine klare Absage an die Ausgrenzungs- und Hetzrhetorik der Lega ist. Und so kam es, dass sich die Menschen auf der Piazza Maggiore immer enger aneinanderschichteten, während Salvini auf etliche leere Plätze in der Sporthalle PalaDozza blickte. Bologna bildete den Startschuss, schon zwei Tage später begannen sich die Sardinen-Flash-Mobs wie ein Lauffeuer über ganz Italien zu verbreiten: von Modena, Parma und Rimini über Palermo, Florenz und Mailand bis nach Rom. Jeweils tausende oder gar zehntausende Menschen strömten zusammen.

Für eine würdige Politik

Wie nicht anders zu erwarten war, reagierte Salvini mit Spott und Zynismus. Er versuchte die Sardinen ins Lächerliche zu ziehen. In einem Posting sprach er von Papa-Söhnchen und meinte: „Wenn du eine Sardine lang genug schabst, stößt du sicher auf einen Piddino“, womit er einen PD-Wähler meinte.[1] In einem anderen veröffentlichte er das Bild einer kleinen Katze mit einer Sardine im Maul. Als Begleittext schrieb er: „Gibt es etwas Süßeres als Kätzchen? P.S. Mögen eure Babykatzen Fischlein und Sardinen? Ergänzt eure Kommentare mit Bildern! Miao!“ Giorgia Meloni, die Vorsitzende von Fratelli d’Italia, behauptete sogar, hinter den vier Freunden stünde der auch aus Bologna stammende ehemalige EU-Kommissionspräsident und Regierungschef Romano Prodi.

Dem widersprach jedoch Mattia Santori, mittlerweile Sprecher der Sardinen, resolut. In einer Talkshow sagte er, er kenne weder Prodi persönlich, noch sei er ein Papa-Söhnchen, sondern verdiene sich seinen Unterhalt als Sportlehrer. Auch die Darstellung, die Sardinen seien nur gegen Salvini, hätten aber sonst nichts zu bieten, sei falsch: „Wir wollen keine Wahlkampagnen mehr in dem Ton und in der Form, wie wir sie jetzt erleben.“ Man wolle stattdessen eine Politik, die der Wähler „würdig“ ist. Diese Aufforderung richte sich auch an die Sozialdemokraten, sagte Santori noch am Abend des ersten Flash-Mobs. Diese müssten sich endlich einen Ruck geben. Man komme nirgendwo hin, „wenn man sich ständig wie Snobs benimmt, die miteinander nichts zu tun haben wollen. Was wir dringend brauchen, ist ein Schulterschluss, nicht dieses ständige Auseinanderdriften.“[2] Damit spielte er wohl auf den ehemaligen PD-Vorsitzenden und Premierminister Matteo Renzi an, der mittlerweile seine eigene Partei „Italia viva“ gegründet hat.

Die Sozialdemokraten haben sich, anders als Salvini, bis jetzt mit Kommentaren zu dieser neuen Bürgerbewegung zurückgehalten. Im Moment begnügt sich der PD damit, die Bewegung gutzuheißen, hütet sich aber vor Vereinnahmungsversuchen.

Politik der Alpha-Männchen

Italiens Politik muss man aus einer gewissen Distanz betrachten, ansonsten riskiert man, im Sog der tagtäglichen Machtspiele die Orientierung zu verlieren. Auch jetzt, wo die gelb-rote Regierungskoalition jeden Tag vor dem Aus zu stehen scheint, obwohl sie erst seit ein paar Monaten im Amt ist. Für Unruhe sorgt einmal der stark in Bedrängnis geratene Fünf-Sterne-Chef Luigi di Maio, der mit harten Bandagen um sein politisches Überleben kämpft und sich, Salvini nachahmend, in der Rolle des Volkstribuns übt. Kaum weniger Störfeuer kommt von Renzi, der zwar maßgeblich dazu beigetragen hat, diese Koalition zu schmieden, dann aber schnell aus ihr ausstieg und jetzt jeden ihrer Entschlüsse kritisiert, wenn nicht gar boykottiert. Dadurch hofft er auf Aufmerksamkeit und Zuspruch für seine neue Partei. Während Renzi auf enttäuschte ehemalige Berlusconi-Wähler zielt, fühlt sich di Maio zunehmend zu Salvini hingezogen. Dazwischen steht der PD-Chef Nicola Zingaretti, der sein Bestes versucht, um das Regierungsboot vor dem Kentern zu bewahren.

Italiens Politik wird damit von Alpha-Männchen dominiert – und von Alpha-Frauen, denn auch Giorgia Meloni gewinnt auf diesem Jahrmarkt, wo jeder mit lauten Ansagen um die Gunst der Wähler buhlt, zunehmend an Gewicht. In den Umfragen steht ihre rechtsradikale Partei bei knapp zehn Prozent und hat damit Berlusconis Forza Italia überholt.

Dieser überhitzte politische Alltag ist in Italien allerdings nichts völlig Neues, sondern zeigte sich ansatzweise auch in den Nachkriegsjahrzehnten, als die christdemokratische DC das Land 50 Jahre lang fest in der Hand hatte. Von außen gesehen glich die Partei einem Monolith, in ihrem Inneren bekämpften sich aber die Flügel unentwegt, weswegen es auch immer wieder zu Regierungsumbildungen kam. Doch so streit- und machtsüchtig diese Correnti auch sein mochten, „hatte keiner der Vertreter dieser Strömungen weder die Macht noch die Absicht, die Partei auf seine Person zuzuschneiden“, schreibt der ehemalige Christdemokrat Marco Follini in einem unlängst erschienenen Buch. Für alle galt das Diktat des Understatements, der Mäßigung. „Fehler konnte man verzeihen, Exzesse nicht.“[3]

Doch nach einem halben Jahrhundert unter den grauen, janusköpfigen, immer um einen Kompromiss bemühten Christdemokraten „sehnte sich Italien nach einer Politik, die ihre Vorstellungskraft anregte“, so Follini. Und damit konnten Berlusconi, aber auch der Lega-Nord-Gründer Umberto Bossi, später dann der Fünf-Sterne-Gründer Beppe Grillo und schließlich Renzi und Salvini aufwarten. Schritt für Schritt wurde Politik erst zu einer Unterhaltungsshow (Berlusconi), dann zu einer Jahrmarktvorstellung (Grillo), bei der derjenige, der sich der provokantesten, wenn nicht gar tabubrechenden Rhetorik bediente und am lautesten brüllte, die meisten Leute anzuziehen vermochte. Bossi wetterte gegen die Süditaliener, die er abwertend „Terroni“ („Erdfresser“) nannte; Berlusconi bezeichnete die PD-Wähler als Kommunisten und „Kinderfresser“; Grillo stöberte im Schimpfwortarsenal; Renzi schwenkte lauthals die Keule der „Rottamazione“, der Verschrottung der alten Parteigarde; und Salvini fischt bei seiner Hetzrhetorik gar in der Mottenkiste des Faschismus, wenn er „pieni poteri“, alle Vollmachten, fordert.

Keine antipolitische Bewegung

Gegen diese Politik, die nur lauthals polemisiert, aber nicht sinnvoll regiert, stellt sich nun die Bewegung der Sardinen. In ihrem auf Facebook veröffentlichten Manifest liest man: „Jahrelang habt ihr über uns und unsere Mitbürger Lügen und Hass ausgeschüttet [...], die Welt nach eurem Gutdünken dargestellt. [...] Eure politischen Inhalte habt ihr mit einem Ozean leerer Ansagen ertränkt, bis davon überhaupt nichts mehr übrig geblieben ist“.[4] Für diese Misere sind aber auch die Sardinen, besonders die jungen unter ihnen, teilweise verantwortlich, räumt das Manifest selbstkritisch ein. Zu lange habe man nur zugesehen, sich in seinen vier Wänden verschanzt, sich nicht informiert und nicht um Politik gekümmert. Doch damit soll jetzt Schluss sein.

Auch der erste von Grillo ins Leben gerufene V-Day (kurz für: „vafancullo“, „Leck mich“) fand auf der Piazza Maggiore in Bologna statt. Am 7. November 2007 versammelten sich dort 50 000 Menschen und hörten Grillos Forderungen: Strafrechtlich verurteilte Parlamentarier, die noch auf ihren Posten verharrten, sollten zusammen mit der restlichen Politikerkaste nach Hause gehen und dem einfachen Bürger das Ruder übergeben. Doch anders als damals handelt es sich bei den Sardinen nicht um eine antipolitische Bewegung. Vielmehr heißt es in ihrem Manifest: „Wir glauben weiter an die Politik. Wir glauben an diejenigen, die es bei allen Fehlern zumindest versuchen, die ihr persönliches Interesse hinter das der Allgemeinheit stellen. Und diesen Politikern wollen wir Mut zusprechen und uns bei ihnen bedanken.“

Damit füllen die Protestierenden ein Vakuum. Viel zu lange hat sich in Italiens Politik eine enorme Selbstbezüglichkeit verbreitet. Dagegen setzen die Sardinen eine Politik des Anstands. Und die Zahl jener, die sich dieser Forderung anschließen, ist beeindruckend. Ob sie aber eine politische Wende bewirken können, muss sich noch erweisen. Denn was geschieht, wenn Salvini und sein Bündnis die Wahlen in der Emilia Romagna und zeitgleich auch in der süditalienischen Region Kalabrien gewinnen? Der scheidende Gouverneur der Emilia, der Sozialdemokrat Stefano Bonaccini, liegt in Umfragen nur knapp vor der Lega-Kandidatin Lucia Borgonzoni. Was, wenn die Regierungskoalition in Rom platzt, es zu Neuwahlen kommt, das rechtsnationale Bündnis gewinnt und Salvini Premierminister wird? Werden die Sardinen dann weiter für eine Politik der Solidarität, des Anstands und der konstruktiven Konfrontation demonstrieren? Fest steht: Um das politische Klima im Land zu ändern, braucht es einen langen Atem und einen stählernen Willen.

[1] Vgl. Se gratti il „piddino“ trovi il sardino!, www.facebook.com/salviniofficial, 18.11.2019.

[2] Vgl. „La festa della piazza anti-Lega“, in: „la Repubblica“, 15.11.2019.

[3] Vgl. Marco Follini, Democrazia Cristiana – Il racconto di un partito, Palermo 2019.

[4] Vgl. Benvenuti in mare aperto, www.facebook.com/notes/6000-sardine, 21.11.2019.

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