Ausgabe Oktober 2020

Corona oder: Das klägliche Ende des amerikanischen Traums

Eine zerrissene US-Flagge

Bild: Gerville/iStockPhoto

Noch nie in unserem Leben haben wir ein derartiges globales Phänomen erfahren. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte hat die gesamte Menschheit, informiert durch die beispiellose Reichweite digitaler Technologie, zusammengefunden, konzentriert sie sich auf dieselbe existenzielle Bedrohung, wird sie von denselben Ängsten und Unsicherheiten erfüllt und erwartet sie sehnlichst dieselben, bislang uneingelösten, Versprechen der Medizin.

Binnen nur einer Jahreszeit hat ein mikroskopischer Parasit, der 10 000 Mal kleiner als ein Salzkorn ist, die gesamte Zivilisation erniedrigt. Covid-19 attackiert unsere physischen Körper, aber auch die kulturellen Grundlagen unseres Lebens, den Werkzeugkasten für Gemeinschaft und Verbundenheit, der für die Menschen das ist, was Klauen und Zähne dem Tiger bedeuten.

Unsere Interventionen haben sich bislang hauptsächlich darauf konzentriert, die Verbreitungsrate abzuschwächen und die Erkrankungskurve abzuflachen. Eine Behandlung steht nicht zur Verfügung und am nahen Horizont wartet nicht mit Sicherheit ein Impfstoff. Die schnellste jemals entwickelte Impfung richtete sich gegen Mumps. Das dauerte vier Jahre. Covid-19 tötete 100 000 Amerikaner in vier Monaten. Es gibt Hinweise, dass eine natürliche Infektion nicht zu Immunität führen könnte, weshalb einige an der Wirksamkeit einer Impfung zweifeln, so denn überhaupt eine gefunden wird. Und sie muss sicher sein.

Oktober 2020

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Aktuelle Ausgabe Oktober 2020

In der Oktober-Ausgabe zeigt der Anthropologe Wade Davis, wie die Corona-Pandemie die gesellschaftlichen Widersprüche der USA offenlegt und ihren Niedergang als Weltmacht beschleunigt. Der Historiker Bernd Greiner porträtiert den einstigen US-Chefstrategen Henry Kissinger und dessen skrupellosen Willen zur Macht. Der Schriftsteller Zafer Şenocak fordert, dass die deutsche Außenpolitik endlich Verantwortung für die kolonialen Verbrechen übernimmt. Die Schriftstellerin Dina Nayeri beschreibt, wie ihre Fluchterfahrung ihre Identität bis heute zutiefst prägt. Und »Blätter«-Mitherausgeber Rudolf Hickel plädiert für soziale Gerechtigkeit bei der Begleichung der gewaltigen Corona-Schulden.

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