Ausgabe Oktober 2020

Die schäbigste Waffe von allen

Titelbild Christina Lamb, Unsere Körper sind euer Schlachtfeld

Bild: Penguin Verlag, 2020

Vergewaltigungen in Kriegen hat es immer gegeben. Bereits antike Texte geben Zeugnis davon. Aber lange galten diese Gewalttaten als gewissermaßen natürliche Begleitumstände – „Boys will be Boys“, und Soldaten erst recht. Seit einigen Jahrzehnten jedoch wächst das Verständnis, dass sexualisierte Gewalt nicht nur eine Folge von bewaffneten Konflikten ist, sondern häufig strategisch als Kriegshandlung eingesetzt wird. Sie ist, wie Christina Lamb schreibt, „die schäbigste Waffe, die es gibt“.

Die Auslandskorrespondentin der „Sunday Times“ hat in den vergangenen Jahren viele Kriegsschauplätze dieser Welt bereist. Sie war im Irak und in Syrien, in Myanmar und im Kongo, in Ruanda, in Bosnien-Herzegowina, in Nigeria, in Argentinien und in Bangladesch. Überall hat sie lange Gespräche mit Überlebenden von sexualisierter Gewalt geführt und ihre Geschichten gesammelt. Außerdem sprach sie mit Aktivistinnen und Fluchthelfern, und sogar mit Vergewaltigern hat sie Interviews geführt.

Diese Berichte machen sprachlos. „Jeden Tag kamen zwei oder drei Soldaten, um mich zu vergewaltigen. Ich schloss die Augen und betete, dass es bald vorüber sein möge. Ich weiß nicht mehr, wie lange das so ging, vielleicht drei Monate“, erzählt zum Beispiel eine Filipina, die 1944 in die Gewalt japanischer Soldaten geriet. Um eine leise Ahnung von diesem Schrecken zu bekommen, kann man sich das ja versuchsweise einmal vor dem inneren Auge vorstellen: Man wäre gefangen und würde über Monate hinweg jeden Tag von zwei bis drei verschiedenen Männern vergewaltigt. Aber das wäre noch nicht alles. Man müsste sich außerdem vorstellen, man hätte mit diesem Schicksal sogar das große Los gezogen, denn den meisten anderen Frauen würde es in einer solchen Situation noch viel schlechter ergehen: weil sie zusätzlich hungern müssen und keine Toilette oder Waschgelegenheit zur Verfügung haben. Weil sie alle paar Wochen an einen neuen Peiniger verkauft werden. Weil sie zuschauen mussten, wie ihr Ehemann und ihre Söhne erst gefoltert und dann erschossen wurden. Weil ihre Töchter verschleppt wurden und man seither nichts mehr von ihnen gehört hat. Oder weil es keine erwachsene Frauen sind, denen diese Gewalt angetan wird, sondern zwölfjährige, sechsjährige Mädchen oder sogar Babys.

Das Ausmaß von sexualisierten Grausamkeiten in Kriegen ist kaum zu erfassen oder zu beschreiben. Es ist auch beim Lesen kaum zu ertragen, und man ist immer wieder versucht vorzublättern, über die detaillierten Schilderungen hinwegzuhuschen, sich der Wucht des Leidens zu entziehen.

Und natürlich stellt sich vor allem die Frage: Was kann die Welt dagegen tun? Wird es besser? Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde über Vergewaltigungen im Krieg kaum gesprochen, und auch heute geschieht dies nur ausnahmsweise. Das Thema ist mit Scham behaftet, es betrifft sexuelle Tabus, und die Opfer sind ganz überwiegend Frauen – wenn auch nicht ausschließlich, es trifft durchaus auch Männer, die man auf diese Weise „verweiblichen“ und somit erniedrigen kann. Erst im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien und dem Genozid in Ruanda ist es feministischen Aktivistinnen Mitte der 1990er Jahre gelungen, dem Thema im öffentlichen Diskurs Gehör zu verschaffen. Erstmals kam es nun auch vor dem Internationalen Strafgerichtshof zu Anklagen gegen Kriegsverbrecher wegen sexualisierter Gewalt. Aufgrund dieser Debatten sind dann auch frühere Kriege in den Blick geraten: das Leid der als „Trostfrauen“ von der japanischen Armee zwangsprostituierten Koreanerinnen und Filipinas, die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch alliierte Truppen (besonders die Rote Armee) am Ende des Zweiten Weltkrieges, die sexualisierten Folterungen in argentinischen Gefängnissen unter der Militärdiktatur der 1970er Jahre.

Das Leid sichtbar machen

In Lambs Buch kommen zahlreiche Frauen zu Wort, denen dies zu verdanken ist, weil sie als Zeuginnen ausgesagt, Täter ausfindig gemacht oder Überzeugungsarbeit geleistet haben. In ihren Erzählungen wird deutlich, von welch großer symbolischer Bedeutung es gerade für die Opfer ist, dass ihre Schicksale nicht einfach nur unter „Gewalt im Krieg“ abgeheftet, sondern in ihrer Besonderheit als sexualisierte Gewalt dokumentiert werden. Leider ist die juristische Logik eine andere, und häufig werden Anklagen wegen Vergewaltigung fallengelassen, weil man die Täter viel besser wegen Mord und anderer Folter überführen kann. Unter pragmatischen Gesichtspunkten ist das nachvollziehbar, aber auf einer symbolischen Ebene fatal, weil es das Phänomen erneut unsichtbar macht und den Opfern den Eindruck vermittelt, ihr Leid sei weniger wichtig.

Leider hat die größere öffentliche Aufmerksamkeit nicht dazu geführt, sexualisierte Gewalt in Kriegen zu reduzieren. Zuweilen wird sie nun sogar erst recht als Strategie eingesetzt. So hat der IS in Syrien und im Irak seine Kämpfer ausdrücklich dazu aufgefordert, Jesidinnen zu vergewaltigen und dadurch zu unterwerfen. Auch die Vergewaltigung der muslimischen Rohingya durch buddhistische Regierungstruppen in Myanmar trägt inzwischen Züge einer gezielten Strategie, und die nigerianische Terrororganisation Boko Haram erklärt sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen ausdrücklich zur Methode, sich gegen „westliche Indoktrination“ abzuhärten und sich Nachwuchs zu verschaffen, indem die Frauen zu Schwangerschaften und Geburten gezwungen werden.

Was kann man tun? Lamb lässt in ihrem Buch auch Menschen zu Wort kommen, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen. Der irakische Imker Abdullah Shrim etwa hat fast 400 Mädchen aus der Gefangenschaft des IS-Kalifats befreit, indem er sie freikaufte oder ihnen zur Flucht verhalf. Der kenianische Arzt Denis Mukwege versorgt genital verstümmelte Vergewaltigungsopfer, darunter viele Kinder und Kleinkinder, und wurde für sein Engagement 2018 zusammen mit der Jesidin Nadia Murad mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die bosnische Aktivistin Bakira Hasečić hat eine Frauenorganisation für Opfer gegründet und mit detektivischer Hartnäckigkeit Kriegsverbrecher aufgespürt und vor Gericht gebracht. Der deutsche Beamte Michael Blume erreichte, dass tausend vom IS versklavte Jesidinnen in Deutschland Asyl fanden – eigentlich eine beschämend geringe Zahl, aber andere Länder nahmen gar keine auf.

Überhaupt, die Frage nach dem „danach“. Eines der Hauptprobleme bei der Bewältigung sexualisierter Folter ist, dass nach Beendigung des Krieges kaum „alles wieder gut“ wird. Das liegt nicht nur an der Traumatisierung der Opfer, sondern auch daran, dass diese Frauen in vielen Gesellschaften ihr Leben lang stigmatisiert und isoliert, teilweise sogar zu Mitschuldigen erklärt werden. Vergewaltigung im Krieg ist eben nur die Spitze eines Eisberges, dem letztlich frauenverachtende patriarchale Strukturen zugrunde liegen, die sich rund um den Globus ziehen. Und für jede nachhaltige Hilfe müssten diese Strukturen von der Wurzel her verändert werden.

Sinnvoll wäre mehr Forschung über militärische Dynamiken. Sexualisierte Gewalt im Krieg kommt zwar häufig vor, ist aber nicht überall gleich verbreitet. An den Vergewaltigungen deutscher Frauen durch die Alliierten 1945 waren beispielsweise britische Soldaten kaum beteiligt – könnte sich daraus etwas lernen lassen? Auch die israelische Armee verübt deutlich weniger sexualisierte Gewalt als andere Armeen. In diesem Fall liegt der Grund wohl auf der Hand: Ein Drittel der Streitkräfte besteht aus Frauen. Jedenfalls gibt es für reguläre Truppen durchaus Möglichkeiten, sexualisierte Brutalität strukturell zu bekämpfen.

Das setzt natürlich voraus, dass man tatsächlich etwas verändern will – was bei Terrororganisationen oder den Armeen diktatorischer Regime aber meist gerade nicht der Fall ist. Umso wichtiger ist, dass all jene, die Vergewaltigung im Krieg als das Verbrechen begreifen, das es ist, dem auch Taten folgen lassen: Sie müssen dem Schutz der Opfer, der Verfolgung der Täter und der Veränderung von Strukturen Priorität einräumen – mit Geld, Ressourcen, Asyl – und mit Aufmerksamkeit. Dieses Buch leistet dazu einen wertvollen Beitrag.

Christina Lamb, Unsere Körper sind euer Schlachtfeld. Frauen, Krieg und Gewalt. Aus dem Englischen von Ursula Held, Sabine Reinhardus und Heike Schlatterer, Penguin Verlag, München 2020, 448 S., 24 Euro.

Aktuelle Ausgabe Oktober 2020

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