Ausgabe September 2020

Der amerikanische Faschismus: Vom Ku-Klux-Klan zu Trump

20. Januar 2020, Richmond, Virginia, USA: Rechte Aktivisten, Milizen und weiße Nationalisten versammeln sich in Richmond, Virginia, um gegen vorgeschlagene Waffenkontrollmaßnahmen zu protestieren.

Bild: imago images / ZUMA Press

In Kampfmontur und gepanzerten Fahrzeugen donnert seit Wochen vielerorts in Amerika eine militarisierte Polizei in friedliche Demonstranten. Schon zu Beginn der Black-Lives-Matter-Proteste stieg der Präsident aus einem Bunker unter dem Weißen Haus und ließ seine Bürger mit Tränengas einnebeln, um zu einer Kirche zu gelangen, die er niemals besucht hatte, während er eine Bibel hielt, die er niemals gelesen hatte. Vielen kommt da eine berühmte Wendung in den Sinn, die oft fälschlich dem Roman „Das ist bei uns nicht möglich“ von Sinclair Lewis aus dem Jahr 1935 zugeschrieben wird: „Wenn der Faschismus nach Amerika kommt, wird er sich in die Fahne hüllen und ein Kreuz tragen.“ Da Lewis’ Roman unter den vielen Warnungen vor einem amerikanischen Faschismus aus der Zwischenkriegszeit am besten im Gedächtnis geblieben ist, wird ihm diese Mahnung neuerdings zugerechnet. Aber die Worte stammen nicht von ihm.

Vielmehr wurde das Diktum wahrscheinlich von James Waterman Wise geprägt, dem Sohn des bedeutenden amerikanischen Rabbis Stephen Wise. Er gehörte zu den vielen Stimmen, die seinerzeit die Amerikaner drängten, den Faschismus als eine ernste innere Bedrohung anzuerkennen. „Das Amerika von Macht und Reichtum“, warnte Wise, ist „ein Amerika, das den Faschismus braucht“. Der amerikanische Faschismus könne aus „patriotischen Vereinigungen wie der American Legion und den Daughters of the American Revolution [hervorgehen ...] und eingehüllt in die amerikanische Flagge oder eine Zeitung des Hearst-Verlages zu uns kommen“. In einer anderen Rede formulierte er es etwas anders: Der amerikanische Faschismus wäre wohl „eingehüllt in die amerikanische Flagge und würde als Appell für die Freiheit und die Bewahrung der Verfassung angekündigt“.

Ein amerikanischer Faschismus würde definitionsgemäß amerikanische Symbole und amerikanische Slogans verwenden. „Erwarten Sie nicht, dass die das Hakenkreuz hochhalten“, warnte Wise, „oder irgendeine der populären Formen des Faschismus“ aus Europa einsetzen. Denn ultranationalistisch wie der Faschismus nun mal ist, versucht er, sich zu normalisieren, indem er auf vertraute nationale Gebräuche zurückgreift und darauf beharrt, bloß politisches Business as usual zu betreiben. So erklärte 1934 der Führer der spanischen faschistischen Falange, José Antonio Primo de Rivera, jeder Faschismus müsse lokal und einheimisch sein: „Italien und Deutschland [...] wandten sich wieder ihrer eigenen Authentizität zu, und wenn wir ebenso verfahren, wird die Authentizität, die wir finden, ebenfalls die unsere sein: Es wird nicht die von Deutschland oder Italien sein, und daher werden wir, wenn wir die Leistung der Italiener oder Deutschen nachvollziehen, spanischer sein, als wir es jemals waren. [...] Im Faschismus lassen sich, wie in Bewegungen aller Zeitalter, unter den lokalen Charakteristiken bestimmte Konstanten finden. [...] Wir brauchen ein totales Gefühl für das Erforderliche: ein totales Gefühl für das Vaterland, das Leben, die Geschichte.“

Dennoch hat sich Samuel Moyn jüngst dagegen ausgesprochen, Trumps Politik mit dem Faschismus zu vergleichen, da seine Regierung „Ziele verfolgt, die tief in der amerikanischen Geschichte verwurzelt sind. Es bedarf keiner Analogie zu Hitler oder dem Faschismus, um diese Ergebnisse zu erklären.“ Das aber setzt voraus, dass der Faschismus nicht selbst tief verwurzelt in der amerikanischen Geschichte sei. Die Annahme, dass alles einheimisch Amerikanische nicht auch faschistisch sein könnte, ist fragwürdig – um nicht zu sagen: exzeptionalistisch. Damit bestreitet man die Frage nach dem amerikanischen Faschismus nicht, sondern wirft sie eher auf. Faschismus-Experten wie Robert O. Paxton, Roger Griffin und Stanley G. Payne argumentieren seit langem, dass der Faschismus seinen Anhängern niemals fremd erscheinen könne. Seine Behauptung, für „das Volk“ zu sprechen und die nationale Größe wiederherzustellen, bedeutet, dass jede Version des Faschismus ihre eigene lokale Identität haben muss. Wer glaubt, eine nationalistische Bewegung sei nicht faschistisch, weil sie einheimisch sei, versteht überhaupt nicht, worum es geht.

Historisch gesehen waren faschistische Bewegungen zudem von Opportunismus geprägt, einer Bereitschaft, nahezu alles zu sagen, was sie an die Macht bringt. Dadurch werden die Definitionen noch unklarer. Es hat sich als unmöglich herausgestellt, den Kern, das unteilbare faschistische Atom, zu identifizieren. Uns bleibt nur, was Umberto Eco die „Verschwommenheit“ des Faschismus nannte und andere als dessen „unklare und synthetische Doktrinen“ beschrieben haben. Es gibt gute Argumente gegen den Versuch, mithilfe einer Taxonomie so etwas wie ein „faschistisches Minimum“ zu etablieren, ganz so, als könne eine Checkliste den Faschismus qualitativ von anderen autoritären Diktaturen unterscheiden. Einige halten Antisemitismus für einen Lackmustest, andere Völkermord. Zählt Kolonialismus? Das bejahten Aimé Césaire, C.L.R. James und Hannah Arendt – neben vielen anderen bedeutenden Denkern, die die ersten Faschismen durchlebten – und argumentierten, der europäische Faschismus bringe über weiße Körper, was koloniale und Sklaverei-Systeme in der Heimsuchung schwarzer und brauner Körper perfektioniert hatten.

Laut Robert O. Paxtons einflussreicher Argumentation bestimmt sich der Faschismus über seine Praxis. Dennoch teilen dessen jeweilige Ausprägungen erkennbar einige auffällige Züge miteinander, darunter die Nostalgie nach einer reineren, mystischen, oft ländlichen Vergangenheit; Kulte der Tradition und kulturellen Erneuerung; paramilitärische Gruppen; die Delegitimierung politischer Gegner und die Dämonisierung von Kritikern; die Verallgemeinerung von einigen Gruppen als authentisch national, während alle anderen Gruppen entmenschlicht werden; Intellektuellenfeindlichkeit und Angriffe auf die freie Presse; Anti-Modernismus; fetischisierte patriarchale Maskulinität; sowie ein verzweifeltes Opfergefühl und kollektiver Groll. Faschistische Mythologien enthalten oft eine Vorstellung von Säuberung, eine ausschließende Verteidigung gegen ethnische oder kulturelle „Verunreinigung“ und damit verbundene eugenische Vorlieben für bestimmte „Blutlinien“. Der Faschismus macht Identität zur Waffe, erhebt das „Herrenvolk“ und setzt alle anderen herab.

»Hitler lernt von Amerika«

Die Amerikaner der Zwischenkriegszeit konnten nicht vorhersehen, was in Europa geschehen würde, waren sich aber dennoch einer Sache sehr bewusst, die wir heute aus den Augen verloren haben: Jeder Faschismus ist definitionsgemäß einheimisch. „Der Faschismus muss ein Eigengewächs sein“, mahnte ein amerikanischer Redner 1937, „den Worten Benito Mussolinis folgend, dass der Faschismus nicht importiert werden kann“, sondern „besonders an unser nationales Leben angepasst werden muss“. Logischerweise würde daher „das Anti-Neger-Programm“ einen „sehr plausiblen Schlachtruf für amerikanische Faschisten“ bilden, so wie der Antisemitismus für die Deutschen. Andere erkannten, dass die tiefen Wurzeln des antisemitischen evangelikalen Christentums einem amerikanischen Faschismus ähnlich plausible Schlachtrufe bieten würden. Bald darauf erlaubten der Patriotismus der Kriegszeit und der Triumph der Alliierten es den Amerikanern, den Faschismus als fremde und eindeutig europäische Pathologie zu betrachten. Aber „der Mann zu Pferde“, der Despot, der reaktionäre populistische Energien für seinen Aufstieg zur Macht nutzen konnte, verkörperte ein Gespenst in der amerikanischen Politik, und zwar schon mindestens seit der Präsidentschaft von Andrew Jackson in den 1830er Jahren.

Einer der letzten, und schrecklichsten, Lynchmorde in Amerika ereignete sich im Oktober 1934 im Florida Panhandle, wo sich eine Menge von 5000 Menschen versammelte, um mitanzusehen, was Stunden zuvor in der Lokalpresse angekündigt worden war. Die Folterer verbrannten Claude Neals Haut, kastrierten ihn und stopften ihm seine Genitalien in den Mund. Dann zwangen sie ihn zu sagen, dass er den Geschmack genieße. Nachdem man ihn schließlich hinter einem Wagen zu Tode geschleift hatte, urinierte die Menge auf seinen verstümmelten Körper, bevor man ihn am Gerichtsgebäude von Marianna aufhängte. Die deutsche Presse, die gerne Kapital aus amerikanischen Lynchmorden schlug, verbreitete Fotos von Neal, dessen schrecklichen Tod sie mit „scharfen Kommentaren dahingehend versahen, dass Amerika vor seiner eigenen Haustür kehren solle“, bevor es andere Regierungen für den Umgang mit ihren Bürgern tadele. „‚Stoppt das Lynchen von Negern‘, lautet der Nazi-Konter gegenüber amerikanischen Kritikern“, titelte der „Courier“ aus Pittsburgh über einem Bericht, der sich mit den deutschen Darstellungen der rassistischen Gewalt in Amerika befasste.

Der „Courier“ war eine von vielen afroamerikanischen Zeitungen, die nicht nur Affinitäten zwischen Nazi-Deutschland und dem Amerika der Jim-Crow-Ära[1] sahen, sondern auch kausalen Verbindungen nachspürten: „Hitler lernt von Amerika“, erklärte der „Courier“ 1933. Die Zeitung berichtete, dass die Universitäten im Dritten Reich ihre Ideen erklärtermaßen von „den amerikanischen Wegbereitern Madison Grant und Lothrop Stoddard“[2] bezogen und dass der „ethnische Irrsinn“ in Amerika Nazi-Deutschland „ein Modell für die Unterdrückung und Verfolgung seiner eigenen Minderheiten“ liefere. Die afroamerikanische „Age“ aus New York fragte sich ganz ähnlich, ob Hitler „unter Anleitung“ der Führer des Ku-Klux-Klans gelernt habe, vielleicht als „untergeordneter Kleagle[3] oder etwas in der Art“.

Die Nazis selbst sahen eine klare Verwandtschaft. Jüngste Forschungen haben gezeigt, dass sich Hitler systematisch auf amerikanische Rassengesetze stützte, als er die Nürnberger Gesetze entwarf. Das Dritte Reich warb im Jim-Crow-Süden auch aktiv um Unterstützer, obschon die politischen Führer des weißen Südens sich größtenteils nicht revanchierten. Aber die Beziehung zwischen beiden Systemen war zu jener Zeit vollkommen offensichtlich, auf beiden Seiten des Atlantiks. Ein Nazi-Generalkonsul in Kalifornien versuchte sogar, den Klan zu kaufen, um einen amerikanischen Putsch zu planen. Doch sein Preis war zu niedrig – wenn der Klan eines war, dann geldgierig. Als die Geschichte 1939 ans Tageslicht kam, nannten Journalisten einen weiteren Grund: Der Klan konnte es sich nicht leisten, ausländisch zu erscheinen. „Um wirkungsvoll zu sein“, musste er seine nativistische Agenda „im Namen des Amerikanismus“ verfolgen.

Kombi-Abo der Blätter

Der KKK als Vorgeschmack auf den europäischen Faschismus

Im Jahr 1935 organisierten Afroamerikaner im ganzen Land Massenproteste gegen Mussolinis Massaker an Äthiopiern. „Der amerikanische Faschismus hat schon Neger“, erklärte der jamaikanisch-amerikanische Journalist und Historiker Joel Augustus Rogers. Der schwarze Dichter Langston Hughes stimmte zu: „Gebt Franco eine Kapuze und er wäre ein Mitglied des Ku-Klux-Klans, ein Kleagle. Faschismus ist das, was der Ku-Klux-Klan errichten wird, wenn er sich mit der Liberty League[4] verbindet und Maschinengewehre und Flugzeuge statt ein paar Meter Seil benutzt.“ „In Amerika muss man Negern nicht erklären, was der Faschismus in der Praxis bedeutet“, sagte Hughes bei anderer Gelegenheit: „Wir wissen das.“

Im selben Jahr veröffentlichte W.E.B. Du Bois „Black Reconstruction in America“. Dieses Grundlagenwerk der afroamerikanischen kritischen Geschichtsschreibung erschien inmitten des Tumults, den die Verfolgung der Scottsboro Nine[5] ausgelöst hatte. Kurz darauf gewann der afroamerikanische Leichtathlet Jesse Owens bei den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin vier Mal Gold – was ebenso als Streich gegen Hitler wie als Ermahnung an das Jim-Crow-Amerika gesehen wurde. Es ist also alles andere als ein Zufall, dass Du Bois in seiner Studie mehr als einmal andeutet, der White Supremacism, die Idee von der weißen Vorherrschaft, des Jim-Crow-Amerika könne in der Tat als „Faschismus“ betrachtet werden. Ein halbes Jahrhundert später formulierte Amiri Baraka diesen Gedanken von Du Bois in einem wenig beachteten, aber bemerkenswerten Essay explizit aus. Er argumentierte, das Ende der Reconstruction-Periode 1877 habe „Afroamerika in den Faschismus geworfen. Es gibt keinen anderen Begriff dafür. Der Sturz demokratisch gewählter Regierungen und die Herrschaft durch unmittelbaren Terror, durch die am meisten reaktionären Elemente des Finanzkapitals [...] Durchgeführt mit Mord, Einschüchterung und Raub, durch die erste Sturmabteilung – erneut der Hitlersche Prototyp – den Ku-Klux-Klan, der direkt vom nördlichen Kapital finanziert wurde.“ Die weiße amerikanische Geschichtsschreibung benötigte ein weiteres gutes Jahrzehnt, um das Argument aufzugreifen: 2004 beobachtete Paxton in „Anatomie des Faschismus“, dass einiges dafür spräche, den ersten Ku-Klux-Klan in den Südstaaten nach dem Bürgerkrieg als die erste faschistische Bewegung der Welt zu begreifen: „[Der erste KKK] war eine alternative zivile Instanz, die parallel zum rechtmäßigen Staat bestand, der in den Augen der Klan-Gründer nicht länger die legitimen Interessen ihrer Gemeinschaft vertrat. Mit seiner Uniform (weiße Robe und Kapuze), ebenso wie mit seinen Einschüchterungstechniken und seiner Überzeugung, dass Gewalt im Namen des Schicksals seiner Gruppe gerechtfertigt sei, war die erste Version des Klans im besiegten amerikanischen Süden wohl eine bemerkenswerte Vorschau darauf, wie faschistische Bewegungen im Europa der Zwischenkriegszeit funktionieren würden.“

Nachdem der KKK 1915 wiederbelebt wurde, machte er schon Mitte der 1920er Jahre nicht weniger als fünf Millionen Mitglieder geltend – damit kam in Amerika auf drei oder vier weiße protestantische Männer je ein Klansman. Als Mussolini 1921 auf die Weltbühne platzte, erkannten viele Amerikaner im ganzen Land sein Projekt sofort wieder, weil Zeitungen von Montana bis Florida ihren Lesern erklärten, dass „die ‚Fascisti‘ als der Ku-Klux-Klan bekannt sein könnten“ und dass „der Klan [...] den Fascisti von Amerika entspricht“. Vergleiche zwischen dem heimischen Klan und dem italienischen Faschismus waren in der amerikanischen Presse bald allgegenwärtig. Und die Ähnlichkeit war nicht oberflächlich.

Farbhemden und Sturmtruppler: US-Faschismus der Zwischenkriegszeit

Unter den Makeln von Korruption und Sexskandalen zerfiel der zweite Klan in den späten 1920er Jahren, doch einige seiner ehemaligen Führer schnitten bald ihre blutgetränkten Tücher ab, um den neuen politischen Moden zu entsprechen. Die Mehrheit der amerikanischen faschistischen Gruppen der Zwischenkriegszeit, von denen sich mehr als nur eine selbst als faschistisch bezeichnete, gründeten sich nicht als Zweige des Nazismus, sondern als Ableger des Klans. Ihr christlicher Nationalismus ließ sich nicht von ihrem Antisemitismus trennen, führte aber auch zu einem Sektierertum, das die Bildung stärkerer Allianzen verhindert haben dürfte.

Viele dieser Gruppen teilten die Vorliebe ihrer europäischen Pendants für Uniformen aus „farbigen Hemden“, um eine organisierte Kraft und militaristische Macht zu behaupten, um einzuschüchtern und auszuschließen. Dazu zählten der Order of Black Shirts aus Atlanta; die White Shirts, militante „Feldzügler für Wirtschaftsfreiheit“, gegründet von George W. Christians, der einen Zahnbürsten-Schnurrbart und eine flatternde Hitler-Locke kultivierte; die Gray Shirts, die sich offiziell The Pioneer Home Protective Association nannten und im ländlichen Teil New Yorks gegründet wurden; die Khaki Shirts (auch: US Fascists); die Silver Shirts, die William Dudly Pelley nach Vorbild von Hitlers „Elite-Nazi-Korps“ schuf; und die Dress Shirts. Ende 1934 machten sich amerikanische Journalisten über diese wachsende Liste lustig. „Grauhemden machen Amerika zur Nr. 1 unter den Hemd-Nationen“, lautete eine sarkastische Schlagzeile. Im Artikel hieß es, solange andere Länder nicht zu schummeln begönnen, indem sie Farben kombinierten, „wird man uns unmöglich über-hemden können“.

Andere jedoch nahmen die Bedrohung ernster. James Waterman Wise erklärte wiederholt, „die verschiedenen Farbhemdenorden – die ganze Kurzwarenbrigade, die Gruppenvorurteile bespielt“ würde in den Vereinigten Staaten „die Saat des Faschismus säen“. Die Black Legion beispielsweise war ein Ableger des Klans, der im Mittleren Westen gedieh. Ihr Führer sprach davon, Washington in einem revolutionären Staatsstreich einzunehmen, nannte den New Deal eine jüdische Verschwörung, „um die Nichtjuden auszuhungern“, und trat dafür ein, die amerikanischen Juden zu vernichten, indem man an Jom Kippur Giftgas in die Synagogen leitete. Ein weit verbreiteter Leitartikel warnte 1936, jeder, der sich frage, „wie der Faschismus in diesem Land aussehen würde“, solle sich die Black Legion ansehen, mit ihrem „Geruch nach Hitlerismus“, ihrem „anti-katholischen, anti-jüdischen, Anti-Neger- und Anti-Arbeiter-Programm, ihren Peitschen, Knüppeln und Gewehren, ihrer dreisten Missachtung von Recht und Gesetz und den rechtsstaatlichen Verfahren der Demokratie“. Und weiter: „Das sind die Haltungen und die Ausstattung des Faschismus.“

Die kurzlebige Organisation Friends of the Hitler Movement wandelte sich 1933 schnell in die akzeptablere Friends of New Germany, bevor aus ihr der Bund hervorging. Er organisierte mehrere Massenkundgebungen im New Yorker Madison Square Garden, darunter 1939 die „Massendemonstration für wahren Amerikanismus“. Dort wurde ein gigantisches Banner von George Washington von Hakenkreuzen flankiert und zwölfhundert „Sturmtruppler“ standen in den Gangreihen und zeigten den Hitlergruß; Bildmaterial von der Kundgebung wurde 2019 restauriert und zum Kurzfilm „A Night at the Garden“ verarbeitet. 1940 machte der Bund 100 000 Mitglieder geltend und hatte Sommercamps im ländlichen New York, in New Jersey und auf Long Island etabliert, in denen er die amerikanische Nazi-Jugend ausbildete. Der Bund-Propagandist Gerhard Kunze berichtete damals, „das Hakenkreuz ist nicht ausländisch, sondern hundertprozentig amerikanisch. Die Indianer haben es immer benutzt.“ Das Emblem einer anderen Gruppe, The American National-Socialist Party, war „ein amerikanischer Indianer, der den Arm zum Gruß ausgestreckt hat, vor dem Hintergrund eines schwarzen Hakenkreuzes“. Diese Gruppe gab zu, den Nazismus einbürgern zu wollen, indem sie eine Blutsverwandtschaft mit amerikanischer Symbolik suchte.

Dann gab es noch Father Coughlin. „Ich nehme die Straße des Faschismus“, sagte er 1936, bevor er die Christian Front bildete, deren Mitglieder sich selbst als „Braunhemden“ bezeichneten. Sein giftig antisemitisches Radioprogramm, das regelmäßig Behauptungen aus den erfundenen „Protokollen der Weisen von Zion“ verbreitete, erreichte zu Hochzeiten nahezu 30 Millionen Amerikaner – so viel wie kein anderes Radioprogramm weltweit zu dieser Zeit. Diese Hörer schalteten Ende 1938 ein, als Coughlin die Gewalt der Reichspogromnacht rechtfertigte, da sie „Vergeltung“ an den Juden übe, die angeblich 20 Millionen Christen ermordet hätten und Milliarden Dollar an „christlichem Eigentum“ zerstört hätten. Der Nazismus, sagte er, sei ein natürlicher „Verteidigungsmechanismus” gegen den von jüdischen Bankiers finanzierten Kommunismus. Coughlins Wochenzeitung „Social Justice“, die zu Hochzeiten eine Auflage von 200 000 Stück hatte, wurde damals vom „Life“-Magazin als die wohl meistgelesene Stimme der „Nazipropaganda in Amerika“ bezeichnet.

Blätter-Probeabo

Ein »amerikanischer Führer«?

Doch der amerikanische Spitzenpolitiker, dem man am häufigsten faschistische Tendenzen vorwarf, war Huey Long. Als Gouverneur von Louisiana, das er auch im Senat vertrat, verhängte Long das Kriegsrecht, zensierte die Zeitungen, verbat öffentliche Versammlungen, besetzte Gerichte und Parlamente mit seinen Kumpanen und machte seine 24jährige Geliebte zur Ministerin. Long war ein Gangster, aber mit seinem „Share Our Wealth“-Programm verbesserte er die Lebensbedingungen vor Ort, sorgte für den Bau von Straßen und Brücken, investierte in Krankenhäuser und Schulen und schaffte die Kopfsteuer ab. Sein ökonomischer Populismus basierte zudem nicht auf der Vertiefung rassistischer, ethnischer oder religiöser Spaltungen; er ordnete seinen White Supremacism seiner Umverteilungsbotschaft unter. „Wir lynchen nur gelegentlich einen Nigger“, erklärte er munter, als er ein Gesetz gegen das Lynchen ablehnte. Dennoch erkannte er an, dass „man armen weißen Menschen nicht helfen kann, ohne Negern zu helfen“ und war also bereit, die steigende See alle Boote anheben zu lassen. Als Long eine Präsidentschaftskandidatur für 1936 ins Auge fasste, war Amtsinhaber Franklin D. Roosevelt alarmiert genug, um seinen Botschafter in Deutschland zu informieren: „Long plant, ein Präsidentschaftskandidat vom Schlage Hitlers zu sein“ und werde bis 1940 versuchen, sich als Diktator einzusetzen.

Roosevelt stand mit seiner Furcht, dass Long ein „amerikanischer Führer“ sein wolle, keineswegs alleine da. Longs politische Karriere lieferte eine Menge Gründe, an seiner demokratischen Aufrichtigkeit zu zweifeln. Sinclair Lewis ließ sich von ihm zu seinem fiktiven Präsidenten-Dikator Buzz Windrip in „Das ist bei uns nicht möglich“ inspirieren,  der den Amerikanern 5000 Dollar im Jahr verspricht, wenn sie ihn wählen, so wie es Long getan hatte. Aber der Name Windrip verweist auch auf Reverend Gerald B. Winrod, den „Kansas-Hitler“, der die Defenders of the Christian Faith anführte und seit den späten 1920er Jahren durchs Land tourte, um über die millenaristische Rolle von Hitler, Stalin und Mussolini in der biblischen Prophezeiung zu sprechen. Dass auch Lewis den Klan als faschistische Bewegung betrachtete, geht aus einer ausgiebigen Anklage hervor, mit der sein Roman beginnt und in der Lewis durch eine Genealogie amerikanischer protofaschistischer Tendenzen fegt, darunter Antisemitismus, politische Korruption, Kriegshysterie, Verschwörungstheorien und evangelikales Christentum. Er endet mit den „Night-riders aus Kentucky und der wilden Freude, die viele unter uns über einen Lynchmord empfinden“. „Ach nein, das kann hier nicht passieren! Wann in der Geschichte war je ein Volk so reif für eine Diktatur wie unseres!“

Präsident Windrip ist „vulgär, beinahe analphabetisch, ein leicht zu überführender öffentlicher Lügner und in seinen ‚Ideen‘ fast schon idiotisch.“ Sein faschistisches Regime, das von christlichem Nationalismus und dem Wunsch nach ethnischer Homogenität angetrieben wird, macht Afroamerikaner und Juden zu Staatsfeinden, indem es dekretiert, dass alle Bankiers jüdisch seien. „Das ist bei uns nicht möglich“ behauptet, dass die gefährlichsten Unterstützer des Faschismus in Amerika jene wären, die „das Wort ‚Faschismus‘ verleugnen und die Versklavung an den Kapitalismus im Namen der verfassungsmäßigen und traditionellen einheimischen amerikanischen Freiheit predigen“. Es wäre eine „Regierung der Profite, durch die Profite, für die Profite“. In Amerika wird der Faschismus, mit seiner krebsartigen Version des Nationalismus, stets amerikanische Frömmeleien über individuelle Freiheit auf eine Realität systemischer Gier aufpfropfen und „Befreiung“ auf Flaggen drucken, die ein Werbefritze schwenkt.

Auf ähnliche Weise verdiente sich Dorothy Thompson, die gefeierte Journalistin und antifaschistische Aktivistin – und seinerzeit Sinclair Lewis‘ Frau – den Spitznamen „Kassandra“: Sie hatte prophezeit, dass der Faschismus in den USA bei seinem Aufkommen nur allzu vertraut amerikanisch wirken würde. (Thompson konterte gerne, dass Kassandra am Ende immer recht behalten hatte.) „Wenn die Amerikaner an Diktatoren denken, haben sie immer ein ausländisches Modell vor Augen“, sagte sie. Doch ein amerikanischer Diktator wäre „einer von den Jungs, und er wird für alles traditionell Amerikanische stehen“. Und das amerikanische Volk, fügte Thompson hinzu, „wird ihm mit einem riesengroßen, allgemeinen, demokratischen, schafsmäßigem Geblök antworten: ‚OK, Chef! Mach es, wie Du willst, Chef!‘“ Zur selben Zeit wurde der Yale-Professor Halford Luccock in der Presse mit folgender Aussage breit zitiert: „Wenn und falls der Faschismus nach Amerika kommt, wird er kein Label ‚Made in Germany‘ tragen; er wird nicht mit einem Hakenkreuz gekennzeichnet sein; man wird ihn nicht einmal Faschismus nennen; man wird ihn selbstverständlich ‚Amerikanismus‘ nennen.“ Und Luccock fuhr fort: „Die hochtrabende Phrase vom ‚American Way‘ wird von interessierten Gruppen, denen es um Profit geht, genutzt werden, um eine Vielzahl von Sünden gegen die amerikanische und christliche Tradition zu verbergen, Sünden wie gesetzlose Gewalt, Tränengas und Schusswaffen, die Verweigerung von Bürgerrechten.“ Einige Jahre später schrieb Thompson, sie fühle sich an etwas erinnert, das Huey Long selbst ihr einmal erklärt hatte: „Der amerikanische Faschismus würde nie als eine faschistische, sondern als eine 100 Prozent amerikanische Bewegung entstehen; er würde nicht die deutsche Methode der Machtübernahme kopieren, sondern bräuchte nur den richtigen Präsidenten und das richtige Kabinett.“ Auch Roosevelts Vizepräsident Henry Wallace äußerte eine Warnung: „Der amerikanische Faschismus wird so lange nicht wirklich gefährlich sein“, schrieb er 1944 in der „New York Times“, „bis es eine entschlossene Koalition gibt zwischen den Kartellisten, den vorsätzlichen Vergiftern der öffentlichen Meinung und jenen, die für eine Demagogie vom Schlage des KKK stehen.“

Die braune Tradition von »America First«

Wallace‘ Warnung erfolgte, als die Roosevelt-Regierung viele dieser Figuren auf eine verfehlte Art wegen Aufwiegelung verfolgen ließ, darunter Winrod, Pelley, Elizabeth Dilling (vom sogenannten Mothers’ Movement) und James True (der eine Gruppe namens America First Inc. gegründet hatte und ein amerikanisches Pogrom forderte). Sie alle kreisten um das America First Committee von 1940 bis 1941. Dessen Galionsfigur war Charles Lindbergh, der gefeierte Flieger, der diesem verschwörerischen Antisemitismus zeitweilig einen Anschein von Legitimität verlieh, bis er im September 1941 in Ungnade fiel, nachdem er eine Rede gehalten hatte, die breit als antisemitisch und „unamerikanisch“ verurteilt wurde. Als die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten, kehrte sich die Bedeutung von „America first“ abrupt um: Es galt nun nicht mehr als patriotisch, sondern als aufwieglerisch und wurde zum Inbegriff für antisemitische Nazi-Sympathien.

Das hinderte Huey Longs früheren Stellvertreter Reverend Gerald L.K. Smith – der seine politische Karriere mit der Anprangerung mutmaßlich jüdischer „internationaler Bankiers“ begründet hatte – nicht daran, 1944 als Präsident zu kandidieren und dabei zu versprechen, das „jüdische Problem“ des Landes zu beheben. Smith‘ Partei nannte sich „America First“.

Heute, im Jahr 2020, haben wir einem America-First-Präsidenten. Wer nun argumentiert, Donald Trump ließe sich nur im Verhältnis zur modernen konservativen Bewegung in Amerika verstehen – die sich am klarsten im Rechtsschwenk unter Barry Goldwater oder in Lee Atwaters berühmter Southern Strategy zeigt[6] –, geht von einem Bruch mit der amerikanischen Politik der Zwischenkriegszeit aus, der keineswegs offenkundig ist. So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, Goldwater während seiner Präsidentschaftskampagne von 1964 von Unterstützern wie Kritikern mehr als nur einmal ein „America First“-Politiker genannt.

Es sind auch nicht nur Trumps Kritiker, die faschistische Tendenzen in der von seiner Administration gepflegten Rhetorik erkennen, in der Gewalt glorifiziert wird und Rechtsstaatlichkeit, demokratische Prozesse und Bürgerrechte missachtet werden. Vielmehr übernehmen der Präsident und seine Anhänger regelmäßig selbst Traditionen des amerikanischen Faschismus. „America First“ war zwischen 1915 und 1941 ursprünglich der Lieblingsslogan von amerikanischen fremdenfeindlichen, nativistischen Bewegungen und Politikern. Das begann mit Woodrow Wilsons Loyalitätstest, bei dem eingewanderte „Bindestrich-Amerikaner“ beweisen sollten, dass sie für „America first“ sind. Dann wurde die Parole zum Schlachtruf, um Amerika aus dem Völkerbund herauszuhalten und es von der Ratifizierung des Versailler Vertrages abzubringen. Der spätere Präsident Warren G. Harding fuhr 1920 eine America-First-Kampagne, obwohl sich der zweite Klan da schon den Slogan angeeignet hatte, ihn bei Aufmärschen regelmäßig auf Bannern trug und ihn für Rekrutierungsanzeigen nutzte. Im Kongress wurde die Parole 1924 von Unterstützern des nativistischen und eugenischen Immigration Act benutzt. Dann nahmen die selbsternannten amerikanischen faschistischen Gruppen der 1930er den Slogan auf, darunter der German-American Bund und die giftig antisemitische America First, Inc. Zwischen 1940 und 1941 griff ihn schließlich das America First Committee auf, als Lindbergh die Amerikaner überzeugen wollte, dass „jüdische Interessen“ die Vereinigten Staaten durch Manipulation zum Eintritt in einen europäischen Krieg zu bewegen versuchten.

Trump selbst hat die „nordizistische“ Rhetorik der Klansmen und amerikanischen Faschisten der Zwischenkriegszeit aufgegriffen, als er sagte, er hätte lieber mehr Einwanderer aus Norwegen und weniger aus „Dreckslöchern“ wie Haiti und Afrika. Er hat die „Blutlinien“ von Henry Ford gepriesen, der in den 1920er Jahren eine Artikelserie unter dem Titel „Der internationale Jude. Ein Weltproblem“ veröffentlichte und darin die „Protokolle der Weisen von Zion“ in Amerika verbreitete. Im selben Jahrzehnt wurde der junge Fred Trump (der spätere Vater von Donald) nach einer Schlägerei unter Beteiligung von Klansmen bei der Memorial-Day-Parade im New Yorker Stadtteil Queens verhaftet. Donald Trump soll in den 1990er Jahren die Reden Hitlers besessen haben. Er bestritt zwar, sie jemals gelesen zu haben – aber er ist ja auch unfähig, die Wahrheit zu sagen. Und kürzlich kündigte Donald Trump in Reaktion auf die Tötung von George Floyd und die Black-Lives-Matter-Proteste an, er würde eine Kundgebung in Tulsa abhalten – nur ein Jahr bevor sich dort das schlimmste Pogrom gegen Schwarze in der US-Geschichte zum hundertsten Mal jähren wird. Seinerzeit wurden nicht weniger als 300 Afroamerikaner getötet und 8000 obdachlos gemacht, die schwarze Gemeinde der Stadt war danach zerstört. Trumps Kundgebung hätte obendrein am 19. Juni stattfinden sollen, dem sogenannten Juneteenth, an dem das Ende der Sklaverei in den USA und die Emanzipation der Afroamerikaner gefeiert wird. In diesen Feiern schwingen aus komplexen historischen Gründen stets auch die Vertagung der Freiheit und des Wahlrechts, die verspätet gekommene volle Staatsbürgerschaft sowie die aktive Unterdrückung der Rechte der Schwarzen mit. (Nach breiter Empörung über die klare Provokation wurde die Veranstaltung um einen Tag verschoben. Trump nahm darauf für sich in Anspruch, das Land über Juneteenth aufgeklärt zu haben.)

Trumps Gespür für weißen Rassismus

Trump befasst sich nicht mit Geschichte, aber jemand in seinem Umfeld tut es ganz offensichtlich. Zugleich bedeutet Trumps gewaltige Ignoranz nicht, dass er die rassistische und faschistische Rhetorik, die er verwendet, nicht versteht. Wir müssen Trump nicht für einen Strippenzieher halten, der einen faschistischen Coup plant, um zu erkennen, dass er nachweislich ein Gespür dafür hat, wie White Supremacism in Amerika funktioniert, und zwar ohne dass er jemals seine Gedanken darüber zu ordnen bemüht war.

So ist der Faschismus in der Praxis immer vorgegangen: Wenn er etwas war, dann opportunistisch. Der Faschismus wird, wie Paxton schreibt, durch seine „mobilisierenden Leidenschaften“ beschleunigt und mehr von Gefühlen als von Gedanken angetrieben. Für Faschisten zählt nur „das historische Schicksal der Gruppe“, denn „ihr ein einziger moralischer Maßstab ist die Tapferkeit von Rasse, Nation, Gemeinschaft. Legitimität beanspruchen sie nach keinem universellen Standard außer dem darwinistischen Triumph der stärksten Gemeinschaft.“ Die „unklaren und synthetischen Doktrinen“ des Faschismus bedeuten in Verbindung mit seinem Ultra-Nationalismus und Anti-Intellektualismus, dass er nie über einen kohärenten Satz ideologischer Doktrinen verfügt. Gewalt tritt an die Stelle der Ideologie: Der faschistische Machthaber lebt die Vorstellung seiner Gefolgschaft von rechtmäßiger Dominanz ebenso aus wie deren Wut darüber, dass andere Gruppen ihre Ansprüche zurückweisen, indem sie Gleichheit befürworten.

Die heutigen faschistischen Energien in Amerika unterscheiden sich vom europäischen Faschismus der 1930er, aber das heißt nicht, dass sie nicht faschistisch wären. Es heißt nur, dass sie nicht europäisch sind und wir nicht in den 1930ern leben. Sie bündeln sich weiterhin um klassisch faschistische Tropen nostalgischer Erneuerung, um Phantasien rassischer Reinheit, um die Feier eines authentischen Volks und der Nichtigmachung anderer, um die Suche nach Sündenböcken für wirtschaftliche Instabilität oder Ungleichheit, um die Ablehnung der Legitimität politischer Gegner, um die Dämonisierung von Kritikern, um Angriffe auf die freie Presse und um die Behauptung, der Volkswille rechtfertige das gewaltsame Aufzwingen militärischer Macht. Die Überreste des Faschismus der Zwischenkriegszeit wurden hervorgeholt, zurechtgemacht und einem heutigen Zweck zugeführt. Farbige Hemden mögen sich nicht mehr verkaufen, aber farbige Kappen laufen prima.

Wie eine Montage im Zeitraffer

Wenn man in Zeiten der Trump-Administration über die unausgereiften faschistischen Bewegungen im Amerika der 1930er liest, fühlt sich das weniger prophetisch als vorwegnehmend an. Es wirkt wie eine Montage im Zeitraffer, in der sich eine para-faschistische Ordnung langsam, über nahezu ein Jahrhundert hinweg zum Entstehen zwingt. Es ist gewiss nicht überraschend, dass in den Vereinigten Staaten unter Trump eine erkennbar faschistische Gewalt ausbricht: Sein Justizminister entsendet Truppen in die Hauptstadt, die dort wie eine Privatarmee agieren; bewaffnete paramilitärische Gruppen besetzen die Parlamentsgebäude von Bundesstaaten; Gesetze werden verabschiedet, die bestimmten Gruppen Staatsbürgerschaft und Rechte verweigern; und das Geburtsortprinzip, das der 14. Zusatzartikel der Verfassung garantiert, wird angegriffen. Wenn der Präsident das Wählen zu einer „Ehre“ statt einem Recht erklärt und „einen Witz“ darüber macht, Präsident auf Lebenszeit zu werden; wenn die Regierung zum ersten Mal in der Geschichte des Landes eine neue Frage zur Staatsbürgerschaft in die zehnjährliche Volkszählung aufnehmen will; und wenn landesweite Proteste in Reaktion auf rassistische Ungerechtigkeit zum Vorwand genommen werden, um das Kriegsrecht zu erwägen – dann beobachten wir, wie sich eine amerikanische faschistische Ordnung einen Ruck gibt.

Trump ist weder anormal noch originell. Ein nativistischer reaktionärer Populismus ist in Amerika nichts Neues – er hatte es bisher nur noch nie ins Weiße Haus geschafft. Letztlich zählt es wenig, ob Trump im Herzen ein Faschist ist, solange er faschistisch handelt. In „Das ist bei uns nicht möglich“ bemerkt einer von Lewis‘ Charakteren über den Diktator: „Buzz ist nicht wichtig – wir müssen die Krankheit behandeln, wegen derer wir ihn ausgespien haben.“

Deutsche Erstveröffentlichung eines Textes, der unter dem Titel „American Fascism: It Has Happened Here“ auf der Website der „New York Review of Books“ (www.nybooks.com) erschienen ist. Übersetzung: Steffen Vogel. Alle Fußnoten sind Erläuterungen der Redaktion.

[1] Die sogenannten Jim-Crow-Gesetze begründeten die Segregationspolitik in den US-Südstaaten nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg und galten zwischen den 1870er Jahren und 1965. Sie benachteiligten systematisch schwarze Bürger im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben.

[2] Madison Grant wurde auch in Deutschland mit eugenischen Büchern bekannt, darunter „Der Untergang der großen Rasse“ von 1916. Lothrop Stoddard verfasste mehrere einflussreiche rassistische und antisemitische Werke, darunter „Der Kulturumsturz. Die Drohung des Untermenschen“ von 1922.

[3] Ein Kleagle ist im KKK v.a. mit der Mitglieder-Rekrutierung in einer bestimmten Region betraut.

[4] Die American Liberty League bestand von 1934 bis 1940, ihr gehörten Mitglieder der Wirtschaftselite und zumeist konservative Politiker an, die gegen den New Deal Front machten.

[5] 1935 hob der Oberste Gerichtshof zum zweiten Mal die Verurteilung von neun schwarzen Teenagern auf, die von einer rein weißen Jury in Alabama fälschlich für die Vergewaltigung zweier weißer Frauen verurteilt worden waren. Weitere Prozesse folgten, mit unterschiedlichem Ausgang. Erst 2013 wurden die letzten drei Männer der Gruppe posthum begnadigt.

[6] Der republikanische Politiker Barry Goldwater trat u.a. mit einer scharfen Ablehnung der Bürgerrechtsgesetzgebung hervor. Er begründete damit den Schwenk der Südstaaten von den Demokraten zu den Republikanern, was die Partei mit ihrer Southern Strategy festigte. Diese umwarb, wie der Reagan-Berater Lee Atwater später einräumte, weiße Wähler mit kodiertem Rassismus.

Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema