Ausgabe April 2022

In der Ukraine geht es um Europa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky bei seiner Rede vor dem französischen Parlament in Kyiv/Ukraine, 23.3.2022 (IMAGO / ZUMA Wire)

Bild: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky bei seiner Rede vor dem französischen Parlament in Kyiv/Ukraine, 23.3.2022 (IMAGO / ZUMA Wire)

Für den Februar dieses Jahres hatte ich eine Forschungsreise in die Ukraine geplant. Ich bin an einem interdisziplinären Projekt zu den Herausforderungen für die liberale Werteordnung beteiligt und untersuche deren Implikationen für die Grenzen und Grenzregionen der Ukraine. Ziel meiner Reise war Charkiw, die zweitgrößte Stadt des Landes, 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Ich wollte auch Interviews in kleineren Grenzstädten der Region durchführen. Eine Covid-Welle in der Ukraine vereitelte den Plan, und ich hoffte, ihn im Frühjahr verwirklichen zu können.

Stattdessen sitze ich nun schon in der vierten Woche vor meinem Computer und verfolge den Krieg, den Putins Russland gegen die Ukraine entfesselt hat und der unendliches Leid über Millionen ukrainischer Familien bringt. Charkiw, ein blühendes Zentrum kulturellen und akademischen Lebens, eine Großstadt, deren Bevölkerung mehrheitlich russisch spricht, mein Geburtsort und die Heimat mehrerer Generationen meiner Familie, gleicht zunehmend Aleppo und ist nun halb leer. Allein per Bahn haben bis zum 8. März 600 000 Bewohner die Stadt verlassen.

Während ich nicht aufhören kann, die schrecklichen Bilder anzuschauen, die die Geschichten meiner Großmutter aus dem Charkiw des Zweiten Weltkriegs wiederaufleben lassen, versuchen mich Charkiwer Freunde und Kollegen aus Lwiw, Krakau, Joensuu, Berlin oder irgendwelchen Dörfern nahe der ukrainisch-ungarischen Grenze zu erreichen.

April 2022

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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